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Ein Werk so facettenreich wie Mozarts Leben: Mozart Requiem und Haas Klangräume

Das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart ist eines der Werke der Musikgeschichte, das zahllose Gerüchte heraufbeschworen hat. Von mystischen Deutungen bis hin zu wissenschaftlich belegbaren Ereignissen. Letztendlich ist dieses Werk aber vor allem eines: ein weiterer Meilenstein im Schaffen des Salzburger Komponisten, ein Werk, das in der Zeit seines Entstehens Modernität und Gestaltungswillen zeigte.

Mozart hatte sich im Jahre 1791 um die stellvertretende Kapellmeisterstelle am Wiener Stephansdom beworben und verwies den Magistrat der Stadt darauf, dass er auch in kirchlichen Dingen Einiges vorzuweisen habe. Doch als der zuvor erkrankte Kapellmeister Leopold Hofmann fühlte sich bald besser, so dass Mozart seine Bewerbung änderte und fragte, ob er dem Kapellmeister unentgeltlich assistieren könne. Der Magistrat der Stadt gab diesem Ersuchen statt. Kurz danach schrieb der Komponist die Motette „Ave verum corpus“. Und diese Komposition zeigt bereits die kompositorischen Merkmale, die auch sein Requiem aus demselben Jahr so besonders machen: Der vierstimmige Vokalsatz ist die Grundlage, dem alle weiteren musikalischen Elemente unterworfen sind. Das war neu …

Doch bekanntermaßen vollendete Mozart das Requiem nicht mehr. Dennoch sind alle Vokalsätze inklusive Generalbass vollkommen vorhanden, bis auf das „Lacrimosa“, das nach acht Takten abbricht. Und damit liegt alles, was man für dieses Requiem braucht, vor. Als einer der Leiter des Stiftung Mozarteum, Hans Landesmann, irgendwann den Grazer Komponisten Georg Friedrich Haas (* 1953) fragte, ob er sich vorstellen könne, ob dieser eine Komposition als Reaktion auf dieses wegweisende Werk von Mozart schreiben könne. Er antwortete: „Das geht nicht.“ Doch dann besann er sich nachdem er das Originalmanuskript des Requiems eingesehen hatte, sagte aber: „Das, was Mozart hinterlassen hat, ist unantastbar.“ Es musste umdenken und entschied sich, Klangräume zu gestalten, die er in die einzelnen Teile des Requiems einfügt. Als Grundlage für diese sieben Klangräume diente ihm der Text des Magistrats mit der Zusage an Mozart. Den so administrativen Text will er als Unverständnis für die Kunst Mozarts erkannt haben, die der Komponist sein gesamtes Leben über entgegenschlug, wenn es um offizielle Amtsstellen ging.

Uraufgeführt wurde das kombinierte Werk aus Mozart/Haas das erste Mal am 4. Dezember 2005 im Salzburger Mozarteum. Nun kommt genau diese Aufführung auf CD des Mozarteum eigenen Labels Belvedere heraus. Dass hier sozusagen alles aus einer Hand stammt, macht einen doppelten Sinn: Immerhin wurde die Idee an Georg Friedrich Haas herangetragen. Zudem ist es Mozarts Geburtsstadt, die hier dem großen Meister huldigt. Und mit dem Mozarteumorchester Salzburg und dem Salzburger Bachchor standen seinerzeit unter der Leitung von Ivor Bolton wunderbare Klangkörper zur Verfügung. Und auch die solistischen Partien sind mit Genia Kühmeyer (Sopran), Dame Sara Conolly (Alt), Topi Lihtipuu (Tenor) und Alastair Miles (Bass) hochkarätig besetzt. Schon im „Kyrie“ zu Beginn spürt man die famos durchsichtige Agogik, die die Akteure dem Werk Mozarts zukommen lassen. Dass der Chor natürlich in Hass’ „Klangräumen“ keinen liturgischen Text singt, sondern einen profanen Brief des Magistrats der Stadt wirft einen doppelten Blick auf das Leben Mozarts: Beides, sein geniehaftes Wirken war ebenso Teil seines Lebens, wie der ewige Kampf mit administrativen Kräften. Und Haas hat dies in seiner eigenen Klangsprache so drastisch dargestellt, verwirrend, beängstigend und die Kunst negierend, dass dem Zuhörer diese Mozart sein Leben lang begleitende Gedankenwelt bemerkenswert nahe geht. Dabei spielt die freitönerische Klangsprache Haas keine Rolle, denn alles fügt sich zusammen.

Dieses Werk sollte häufiger im Konzertsaal erklingen, allerdings muss sich jeder an dieser famosen Aufführung messen, die uns nun glücklicherweise als Einspielung vorliegt.

Auf naxos.de findet man verschiedene Bezugsquellen für das Album.

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