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Was wäre, wenn Friedrich Gulda und Glenn Gould Komponisten geworden wären?

Bei Gould und Gulda ähneln sich nicht nur die Nachnamen: Sie waren annähernd gleich alt – Friedrich Gulda kam 1930, Glenn Gould 1932 zur Welt – beide sollten als Pianisten dies- und jenseits des Atlantiks Weltruhm erlangen, der lange nach ihrem Ableben unvermindert weiter strahlt und beide waren in den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts pianistische Superstars und gleichzeitig „enfants terribles“, die mit ihrem Nonkonformismus das Publikum ebenso irritierten wie faszinierten.

Aber was wäre, wenn sich Friedrich Gulda und Glenn Gould nicht für die Pianisten-Laufbahn entscheiden hätten, sondern sich als Komponisten einen Namen gemacht hätten? Die Musikwelt hätte, so viel ist sicher, auf zwei der charismatischsten und eigenwilligsten Interpreten verzichten müssen: Eine moderne Bach-Rezeption ohne die entromantisierenden Impulse von Gulda und Gould wäre zweifelsohne ärmer; Mozarts Klavierwerke wären möglicherweise immer noch mit einer dicken Puderzuckerschicht verdeckt, wenn sich nicht der junge, furiose Gulda sie entstaubt und entzuckert hätte; Goulds legendäre und lange Zeit nicht unumstrittene Interpretation des ersten Klavierkonzerts von Johannes Brahms („Don’t Be Frightened, Mr. Gould Is Here“) erwies sich im Nachhinein als visionär und richtungweisend. So gesehen können wir glücklich sein, dass die beiden sich vor allem als Pianisten hervorgetan haben.

Doch es gab eine kurze Phase in ihrer Entwicklung, wo ihr Erfolg vielleicht noch nicht absehbar war. Ihre musikalische Bildung stand auf breiter Basis. Gould hatte bereits am Konservatorium seine Sympathie zur Zweiten Wiener Schule entdeckt (was er ja auch später mit bedeutenden Schönberg-, Berg- und Webern-Aufnahmen unter Beweis stellen sollte). Wer nun aber bei Goulds „Opus 1“ (es sollte übrigens kein offizielles Opus 2 folgen) eine atonale, waschechte Zwölfton-Komposition erwartet, wird überrascht sein. Goulds einsätziges, gut 35-minütiges Werk scheint eher der Klangsprache früh- wie spätromantischer Größen verpflichtet, von spätem Beethoven über Brahms, Wolf, Bruckner und Wagner bis hin zu Richard Strauss und dem frühen (tonalen) Schönberg.

Gulda war als Kompositionsschüler von Joseph Marx, der der Spätromantik viel näher stand und ein unerbittlicher Gegner jeglicher Neutöner war. Von Guldas späterer Liebe zum Jazz, zur Improvisation und zum Unerwarteten ist in seinem Streichquartett in fis-Moll nicht einmal eine Spur zu erahnen. Und dennoch ist dies keine Gefälligkeitsarbeit, die seinem konservativen Lehrer „nach dem Mund komponiert“. Etwas Nervöses, Unstetes flackert immer wieder im Streichquartett auf. Stilistisch hätte dies auch ein Werk der 1920er oder 1930er Jahre sein können, von einer Ästhetik „nach Ausschwitz“, wie sie Adorno vehement einforderte, war dieses Streichquartett meilenweit entfernt, dennoch ist Guldas Werk, die Kompositionen eines (nicht einmal) 20-Jährigen, von einer bemerkenswerten Ernsthaftigkeit und Reife. Jugendliche Leichtigkeit sucht man hier vergebens.

Das junge österreichische Acies Quartett studierte bei Prof. Brian Finlayson, später wurde das Ensemble von Mitgliedern des Juilliard Quartetts nach New York eingeladen, schließlich studierte das Quartett am Instituto Internacional de Música de Cámara de Madrid bei Prof. Günter Pichler vom Alban Berg Quartett. Das Quartett begegnet der Musik Goulds und Guldas mit großer Konzentration und Präzision. Die spätromantische Melancholie Goulds und Guldas fragende, bisweilen nervöse Suche formt das in Kärnten beheimatete Quartett mit schönem Ensembleklang aus einem Guss und einer lebendigen, natürlich atmenden Dynamik, ganz so, wie es zwei Ausnahmemusikern und Komponisten und ihre bemerkenswerten Streichquartette verdient haben. Eine auch aufnahmetechnisch sehr geglückte Aufnahme.

Published inAlben vorgestellt

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