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Interview mit Hellen Weiß und Gabriel Schwabe zum Kodaly/Ligeti-Album mit Werken für Violine und Cello

Hellen Weiß und Gabriel Schwabe spielen das fantastisch: Glühend intensiv, mit vielen Klangfarben und einer unglaublichen Beherrschung ihrer Instrumente – Kammermusik, die unter die Haut geht. (Radio Bremen)

Der international gefragte Cellist Gabriel Schwabe und seine Frau – die Geigerin Hellen Weiß haben neulich gemeinsam ihr neues Album bei Naxos aufgenommen, mit Werken von Kodály und Ligeti.

Gabriel Schwabe konnte sich in den letzten Jahren unter den führenden Cellisten seiner Generation etablieren. Maßgebliche Kritiker loben seine Interpretationskunst und sein technisches Vermögen in Verbindung mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz. Norbert Hornig: Gabriel Schwabe ist ein cellistischer Überflieger mit feinem Gestaltungsvermögen, der sein Instrument phänomenal beherrscht. sowieHarald Eggebrecht: Gabriel Schwabe wird niemand von denen, die dabei waren, mehr aus dem Sinn verlieren, denn plötzlich war ein Hauch von Feuermann im Saal..

Geigerin Helle Weiß konzertiert als regelmäßiger Gast bei Musikfestivals u.a. beim Schleswig-Holstein Musik Festival, bei den Mendelssohn-Festtagen Leipzig, beim Musikfestival Heidelberger Frühling, in der Konzertreihe „Resonanzen“ Siegburg, den „Europäischen Wochen“ Passau, dem German Forum New York, in der Konzertreihe „Spectrum“ Villa Musica und bei „Teatime Classics“ in der Laeiszhalle Hamburg. „Die Welt“ beschreibt die Künstlerin so: „Es ist diese natürliche Art von Hellen Weiß, die im Gegensatz zu ihrem bemerkenswerten Talent steht. Keine Spur Affektiertheit, nichts ist gekünstelt oder aufgesetzt. Und vielleicht ist genau dies das Geheimnis ihres Erfolgs. … bei jedem Auftritt, gibt sie ein Stück ihrer Persönlichkeit preis…“ Dabei wurden ihre Solo- und Kammermusikkonzerte weltweit im Radio und Fernsehen, u.a. beim NDR, SWR und Sveriges Radio, übertragen.

Parida (Naxos): Das ist Euer erstes Album, welches Ihr als Ehepaar aufgenommen habt. Als Zuhörer spürt man auch die Intimität und die Vertrautheit in eurem Zusammenspiel. Was hat euch dazu inspiriert die Entscheidung zu treffen, diese Aufnahme zu realisieren?

Hellen: Wir spielen schon seit vielen Jahren in verschiedensten Besetzungen zusammen. Uns reizt dabei immer wieder die Duo-Besetzung Violine und Cello, da sie einerseits in ihrem Streicherklang sehr intim klingen kann und man andererseits sehr virtuose Parts übernehmen muss, um einen großen Gesamtklang zu erzeugen. Besonders im Duo von Zoltán Kodály sind diese Extreme sehr exponiert. Dazu kommen die sehr solistischen Passagen im Folklorecharakter, die dieses Stück ganz besonders machen. Das Kodály-Duo verdient es, noch breiter bekannt und gehört zu werden.

Gabriel: Zusammen zu spielen ist für uns auch immer wieder etwas Besonderes. Dabei führt die gegenseitige Vertrautheit nicht dazu, dass der andere berechenbar wird – im Gegenteil. Dass wir uns blind aufeinander verlassen können, gibt uns die Freiheit, Dinge auszuprobieren, immer einen Schritt weiter zu denken, Risiken einzugehen. Das ist besonders wichtig, damit vor dem Mikrofon eine lebendige Aufnahme entstehen kann.

Parida (Naxos): Plant Ihr in der Zukunft weitere Aufnahmen als Duo einzuspielen? Oder gibt es sogar Pläne als festes Duo aufzutreten bzw. CD’s aufzunehmen?

Gabriel: Die nächsten Aufnahmeprojekte sind bei uns beiden zunächst solistisch, dies wird aber sicher nicht unsere letzte Duo-Einspielung bleiben! Obwohl das Kodály-Duo schon einen gewichtigen Teil des Repertoires ausmacht, gibt es noch viele weitere reizvolle Werke für diese Besetzung. Und es entstehen ja immer noch interessante Werke für Geige und Cello…

Parida (Naxos): Gabriel, dieses Album ist bereits Dein siebtes Album bei Naxos. Warum hast Du Dich für Naxos entschieden und was gefällt Dir an Naxos als Label Partner?

Gabriel: Dafür gab es mehrere Gründe. Zunächst finde ich die Herangehensweise an die Repertoirezusammenstellung sehr überzeugend, denn mir war es wichtig die großen Werke des Standardrepertoires aufzunehmen und gleichzeitig auch Unbekannteres dazunehmen zu können. Dass die Zusammenstellung dabei trotzdem immer einem inneren Zusammenhang folgt, finde ich überzeugender als einen bunten Strauß verschiedener Werke auf einer CD zusammenzubringen. Dazu kommen die Möglichkeiten mit fantastischen Orchestern und Dirigenten zusammenzuarbeiten, die große internationale Präsenz von Naxos, der einzigartige Vertrieb… Und das Gefühl, dass den Mitarbeitern von Naxos genauso viel an der Musik liegt, wie mir selbst!

Parida (Naxos): Außer Konzerte zu spielen, gebt Ihr sehr viele Meisterkurse und unterrichtet zu dem auch. Gabriel, neulich hast Du eine Professur an der Kölner Musikhochschule bekommen, möchtet Ihr zukünftig euren Schwerpunkt auf das Unterrichten setzen?

Hellen: Nach jeder Probe, nach jedem Konzert, aber auch nach jeder Unterrichtsstunde entdeckt man etwas Neues an seinem Instrument oder an einem Werk. Es gibt bei mir dabei keine Schwerpunkte. Beides ist die intensive Beschäftigung mit Musik. Je mehr man in die Materie eintaucht, desto spannender wird es.

Gabriel: Dazu kommt, dass sich beides gegenseitig unheimlich bereichert. Nur durch die Erfahrung auf der Bühne kann man den Studenten etwas Wertvolles weitergeben und durch den Unterricht lernt man ständig Neues über sein eigenes Spiel, das wiederum Einfluss auf das nächste Konzert hat.

Parida (Naxos): Hellen, es gibt unzählige Duostücke für Cello und Violine, warum habt ihr euch für Kodály entschieden? Könntest Du etwas zu dem Stück erzählen?

Hellen: Das Kodály-Duo ist eines der größten und schwierigsten Stücke für die Besetzung Violine und Violoncello. Neben technischen Herausforderungen in den einzelnen Stimmen, ist besonders in den Ecksätzen des Duos der authentische folkloristische Ausdruck gefragt. Nachdem Zoltán Kodály gemeinsam mit Béla Bartók die ungarische Volksmusik über mehrere Jahre erforscht hatte, strebte er danach, deren musikalische Eigenschaften in seinen Werken authentisch wiederzugeben. Es ist dabei sehr gefährlich zu glauben, dass man den Ausdruck dieser Folklore intuitiv kennt. Daher war uns das genaue Lesen der Partitur sehr wichtig. Die Rhythmen von Kodaly mit den sehr genau bezeichneten Artikulationen und Betonungen lassen den folkloristischen Ausdruck besonders aufblühen. Dazu kommen die häufigen Tempowechsel, die das Stück frei und spontan klingen lassen. Die sehr detaillierten Anweisungen Kodálys lassen erahnen, wie genau seine Vorstellungen waren.

Parida (Naxos): Die Pandemie hat Euer Berufsleben als Profi-Musiker bestimmt sehr verändert, wie erlebt Ihr aktuell die Situation?

Hellen: Mir ist in der Pandemie-Zeit das erste Mal ganz deutlich bewusst geworden, welchen geringen Stellenwert die Kultur in der allgemeinen Gesellschaft und besonders in der Politik hat. Klassische Musik wird nicht als Bildung, sondern leider von zu vielen als privilegierte Unterhaltung angesehen.

Gabriel: Dabei finde ich vor allem den oft verwendeten Begriff der „Systemrelevanz“ problematisch. Während die Einschränkung vieler Aktivitäten in dieser Situation verständlich ist, suggeriert diese Begrifflichkeit eine Überflüssigkeit vieler Bereiche, die Musik eingeschlossen. Dabei sind es doch die Dinge, die über das reine Überleben hinausgehen, die das Leben erst lebenswert machen. Die Sprache füttert hier Denkmuster, die uns leider noch über die Pandemie hinaus beschäftigen werden.

Parida (Naxos): Viele Musiker geben zur Zeit Livestream-Konzerte, welche Schwierigkeiten und welche Möglichkeiten seht Ihr dabei?

Hellen: Wir Musiker können uns glücklich schätzen, dass wir im Zeitalter der Digitalisierung leben und in der Lockdown-Zeit unsere Kunst mit Livestream-Konzerten weiter ausüben können. Trotzdem wird ein gestreamtes Konzert niemals das Erlebnis eines Live-Konzerts ersetzen. Für uns Musiker entsteht ein ganz anderer Kontakt mit dem präsenten Publikum als mit einer laufenden Kamera.

Kodaly Ligeti

Parida (Naxos): Zum Schluss noch ein paar spaßige Fragen mit einem Augenzwinkern. An Gabriel: Was war Deine ungewöhnlichste Erfahrung auf der Bühne?

Gabriel: Von einer Klimaanlage in Israel, die so kräftig eingestellt war, dass sie die Noten wegwehte über einen Saal in China, der so kalt war, dass mir auf der Bühne die Zähne klapperten, einen enthusiastischen Dirigenten, der mir den Bogen aus der Hand schlug oder ohnmächtige Personen im Publikum war schon einiges dabei…

Parida (Naxos): Wer von euch beiden kocht zuhause mehr?

Hellen: Wir kochen beide sehr gerne und hatten besonders im Lockdown im März dann auch die Zeit unsere Rezepte zu perfektionieren und zu experimentieren. Sei es das Steak noch perfekter zu garen, Algen zu frittieren oder eine Hühnersuppe mit Gingseng-Wurzeln zu kochen.

Parida (Naxos): Wie beschäftigt Ihr Euch in Eurer Freizeit?

Hellen: Wir sind beide gerne in der Natur und reisen auch sehr gerne. Die Lofoten-Inseln in Norwegen sollen unser nächstes Ziel in den Ferien sein. Wir hoffen, dass das trotz Corona im Sommer möglich ist.

Parida Wali (Naxos): Welchen Beruf würdet Ihr ausüben, wenn Ihr keine Musiker geworden wärt?

Gabriel: Die Frage ist jetzt nicht mehr zu beantworten, denn die Musik formt die eigene Persönlichkeit sehr stark – ohne sie wäre man ein anderer Mensch… Aber als Kind hätte ich Paläontologe oder Meeresforscher werden wollen!

Hellen: Wenn ich als Kind im Konzert saß, habe ich mir immer dazu ganz viele Balletttänzerinnen vorgestellt, die zur Musik im Konzertsaal tanzen. Damals wäre ich gerne eine dieser Ballerinas gewesen.

Parida (Naxos): Hellen und Gabriel – vielen Dank für das unterhaltsame Gespräch!

Published inGrenzüberschreitendKurzinterview

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