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Gleichzustellen mit männlichen Kollegen – Emilie Mayers Kompositionen

Es ist in heutigen Zeiten, in denen es ebenso viele wie erfolgreiche Musikerinnen in der Welt gibt wie Männer, dass es Zeiten gab, als gerade die Damen von der Musikwelt nicht anerkannt wurden. Zwar durften die Frauen im 18. und 19. Jahrhundert durchaus in den eigenen vier Wänden musizieren und ihren künstlerischen Gedanken Ausdruck verleihen, aber ebenso wie in der Literatur wurden sie nicht als Schaffende in der Öffentlichkeit toleriert.

Viele Frauen, die dieses Schicksal zu durchbrechen versuchten, sind bis heute Vorbilder für fast alle Frauen in der Musikszene: Clara Schumann und Fanny Mendelssohn-Hensel sind deren bekannteste Vertreter. Doch erst in den vergangenen Jahren ist man auch auf die deutsche Romantikerin Emilie Mayer (1812–1883) aufmerksam geworden. Als Tochter aus gutem Hause war es ihr erlaubt, sich musikalisch zu betätigen, aber als sie kompositorisch ihrem inneren Bedürfnis Ausdruck verlieh, wurde ihr nicht immer der gleiche Zuspruch zuteil wie als ausübenden Künstlerin. Und dennoch errang Mayer einige Erfolge mit ihren Sinfonien, doch meist lokal, in ihrer heimatlichen mecklenburgischen Umgebung. Acht Sinfonien, neun Streichquartette und zahllose andere Werke warten also darauf, für die Musikwelt wiederentdeckt zu werden.

Gut, dass die vorliegende Doppel-CD nun einen Überblick von Emilie Mayers Wirken gibt. Doch – wie sooft in der Musikgeschichte – sind etliche Werke der Komponist als Notenmaterial nicht leicht zugänglich. So auch die zu Beginn dieser Aufnahmen erklingende Sinfonie Nr. 4, die Emilie Mayer für eine bessere Verbreitung 1860 für Klavier zu vier Händen bearbeitete. Doch die originalen Noten der Sinfonie sind verloren. So hat der Dirigent der vorliegenden Einspielung, Stefan Malzew, sich diese vierhändige Version vornahm, um die hier erklingende orchestrale Version im Sinne der Komponistin zurückzuverwandeln. Ursprünglich wurde diese Sinfonie 1851 in Berlin uraufgeführt. Und das Ergebnis ist erstaunlich gelungen. Vor allem aber begeistern die Frische und die Wucht, mit der diese Sinfonie ansetzt. Und dennoch hat Malzew es verstanden die Instrumentierung so geschickt vorzunehmen, dass man eine wunderbare Transparenz und Stimmverteilung wahrnimmt, die den Ausdruck der musikalischen Aussage umso brillanter werden lässt.

Das Klavierkonzert, dessen sich die wunderbare, polnische Pianistin Ewa Kupiec annimmt, ist das einzige aus Mayers Feder – soweit wir bislang wissen. Man warf gerade diesem Konzert vor, dass die Komponistin sich zu stark an klassischen Strukturen orientierte und zudem an Mozarts Arbeiten in diesem Genre. Doch das ist heutzutage wohl weniger ein Affront, als es zu Lebzeiten der Komponistin einer war, fast 60 Jahre nach dem Tod Mozarts. Und wenn man dieses Konzert hört, dann kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, man höre ein recht ordentliches Mozart-Konzert. Doch Ewa Kupiec und der erfahrene Sebastian Tewinkel am Pult der Neubrandenburgischen Philharmonie verstehen es, dieses Konzert zu einem „sprechenden“ Erlebnis werden zu lassen.

Wenn man der der Chronologie der der Kammermusikwerke von Emilie Mayer folgt, ist das vom Klenke Quartett gespielte Streichquartett g-Moll das letzte Werk in dieser Gattung, das neunte von 1958, um genau zu sein. Sicherlich steht den vier Streicherinnen des Klenke Quartetts diese Musik aus unterschiedlichen Nahe. Zum einen stammen einige von ihnen aus derselben Gegend wie Mayer, zum anderen machen sie sich gerne für Komponistinnen stark. Dieses Streichquartett ist ein wahres Reifewerk einer brillanten Komponist, getragen, mit all den Ausdruckskräften, die eine erfahrene Komponistin in diese Gattung einfügen konnte. Und damit steht es in einer Reihe mit den großen und bekannten Werken der Romantik.

Das wohl wichtigste Klavierwerk von Emilie Mayer war die Sonate d-Moll. Die in Peking geborene und in Deutschland ausgebildete Pianistin Yang Tai vermag dieser Sonate eine Dramatik einzuhauchen, die am Ende der beiden CDs nochmals erkennen lässt, welche musikalischen Welten man entdecken kann, wenn man sich auf Emilie Mayer einlässt. Es lohnt sich!

Auf naxos.de findet man verschiedene Bezugsquellen für das Album, digital und physisch.

Veröffentlicht inAlben vorgestellt

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