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Gidon Kremer vermisst Mieczyslaw Weinbergs 24 Préludes

Der Violinist Gidon Kremer hat sich bereits sein Leben lang mit ungewöhnlichem Repertoire beschäftigt, sich für lebende und solche Komponisten eingesetzt, die seinerzeit vom Sowjet-Regime unterdrückt wurden. Nun hat er einen wichtigen wie spannenden weiteren Beitrag zum Violin-Repertoire hinzugefügt: Die 24 Préludes für Violoncello solo Op. 100 von Mieczyslaw Weinberg in seiner eigenen Bearbeitung für Violine solo. Das lässt aufhorchen, denn erst in den vergangenen 10 Jahren hat man das Werk des Polen Weinberg so richtig wiederentdeckt. Geborenen in Warschau war er nach dem Überfall der Nazi-Wehrmacht auf Polen, über Weißrussland in Usbekistan gelandet, als 1941 Hitler auch die Sowjetunion überfiel. Der Komponist Dmitri Schostakowitsch hörte von den Werken, die Weinberg in seinem Exil schrieb und setzte sich dafür ein, dass der Pole in Moskau ansässig wurde. Dort war er dann aufgrund seines Judentums neuen Repressalien unterworfen. Dennoch trieb die Musik ihn immer weiter an, verweigerte er sich der neuen Strömungen der Atonalität, lotete aber immer weiter die Möglichkeiten einer tonalen Musikschreibweise aus. Natürlich wurde er von Schostakowitsch beeinflusst, ebenso wie dieser von Weinberg, denn sie sahen sich ja fast jeden Tag.

Kremer schreibt in seinem Vorwort zur CD-Einspielung, dass er verwundert ist, dass er Weinberg nicht kennengelernt hat, denn immerhin hatte Weinberg mit Kremers Lehrer David Oistrach musiziert. Die Préludes hatte Weinberg 1969 Mstislaw Rostropowitsch gewidmet. Doch dieser hat sie niemals öffentlich gespielt. Warum, weiß man nicht.

Kremer nun hat sich dieser 24 Préludes angenommen, die natürlich an die berühmten Beispiele der Schreibweise auf die Tonarten von Bach, Chopin, Skrjabin oder Schostakowitsch selbst erinnern. Doch Weinberg hat auf eine andere weise geschrieben, auch wenn er – darin Schostakowitsch recht ähnlich – die Art des Komponierens mit offensichtlichen und versteckten Zitaten aus anderen Werken auch hier nicht sein lassen konnte. Da ist einmal das Cellokonzert von Schumann zitiert, ebenso wie das Schostakowitsch, oder dessen Cellosonate Op. 40. Doch auch andere Einflüsse werden erkennbar, wenn man sich tiefer in die Préludes eingräbt. So die Volklieder, die er einarbeitete, manches Mal bekannte russische Volksweisen, aber auch solche von jüdischen Komponisten geschrieben wurden, und die in dieser Zeit verboten waren. Weinberg nutzt hier seine Kenntnisse der Musik, um unterschwellig den Kennern zu signalisieren, dass er – wie eben Schostakowitsch auch – die Musik als Medium nutzt, um seine persönlichen Aussagen zu treffen.

Bemerkenswert ist, dass Gidon Kremer nicht allzu viel für die Transkription auf sein Instrument, die Geige, ändern musste, um die Celloversion zu übertragen. Natürlich mussten einige Préludes in eine andere Tonart transponiert werden, aber Kremer hat dies so geschickt getan, dass er die Klanglichkeit, die Tonsprache Weinberg geschickt auf sein Instrument übertragen hat. Mit großer Emphase musiziert der grandiose Geiger. Man spürt in jedem der Préludes, dass er diese Musik verinnerlicht hat, sie mit Emphase für die Aussagen spielt.

Mit dieser Einspielung hat Kremer, der sich mit seiner Kremerata Baltica bereits mehrfach dem wirken Mieczyslaw Weinbergs zugewandt hat, ein weiteres Highlight dieses Komponisten auf CD gebannt, eines, das durch sein Wirken nun auch ein neues Repertoirestück für Violine solo hinzugefügt.

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