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«Die 5. Saite eröffnet neue Klangräume» | Interview mit Cellist Matthias Michael Beckmann

Das 5-saitige Cello ist mehr als das Markenzeichen des Musikers Matthias Michael Beckmann. Es ist künstlerische Überzeugung und Botschaft. Auf seinem neuen Album „Arpeggione“ musiziert Beckmann in exquisiter Partnerschaft mit der prominenten Pianistin Elena Braslavsky.

René Zühlke (Naxos): Was ist das besondere an Ihrem neuen Album „Arpeggione“, das Sie mit 5-saitigem Cello eingespielt haben?

Matthias Michael Beckmann: Franz Schuberts Sonate für Arpeggione birgt emotionale Welten in sich, Robert Schumanns Stücke sind erfüllt von tiefster Poesie. Klassische Form verbindet sich mit sensibler Romantik und feinster Melodik. Die 5. Saite eröffnet neue Klangräume, auch bei oft gehörten Stücken. Der Zuhörer erlebt große und zeitlose Musik in all ihrer Menschlichkeit und Energie.

René Zühlke (Naxos): Sie sind bereits im Jahr 2007 von vier auf fünf Saiten „umgestiegen“. Warum?

Matthias Michael Beckmann: Ich bin von diesem Cello richtig begeistert. Es ist ein wirklich neu entwickeltes, neu konzipiertes Instrument von Roger Graham Hargrave und Bertrand Bellin. Ich liebe diesen lichten Klang, der sich von der Resonanz der tiefen Töne über die E-Saite bis in die 5.Oktave erhebt. Ich spüre die Vibration, seinen Klang in meinem Körper. Ich will sein Klangspektrum erweitern wie auch das Cello-Repertoire.

Für mich persönlich gehört die fünfte Saite zum Cello. Das ist meine persönliche Ansicht. Und warum das fünf-saitige Cello damals nicht weiter entwickelt wurde, kann ich nur vermuten. Das Cello war ja ursprünglich nur für Basso continuo da, hat sich dann befreit und auch Melodien gespielt, dann kamen die ersten Solowerke. Bach-Solosuiten und Boccherini mit seiner fantastischen, galant-virtuosen Musik.

Dort ist für mich die Entwicklung stehen geblieben. Ich glaube, in 20 Jahren wird es sehr, sehr viele fünfsaitige Celli geben, in 50 Jahren wird es die Regel sein.

René Zühlke (Naxos): Das 5-saitige Cello hat es bereits bei J.S.Bach und A.Stradivari gegeben. Erlebt die 5.Saite wieder eine Renaissance ?

Matthias Michael Beckmann: Johann Sebastian Bach liebte die 5.Saite. Er ließ sich eine 5-saitige Viola pomposa bauen und schrieb die wundervolle 6 Solosuite für 5 Saiten. Auch Antonio Stradivaris drittes Cello hatte fünf Saiten. Die Renaissance der 5. Saite ist mir ein großes Herzensanliegen.

René Zühlke (Naxos): Und welche Anforderungen stellt ein so spezielles Instrument an Sie als Musiker ? 

Matthias Michael Beckmann: Es erfordert eine andere Spielweise, auch eine Offenheit für neue Klänge, für neue bisher nicht da gewesene Klänge. Das Griffbrett ist breiter und etwas flacher, ich greife mehr Barree und durch den breiteren Steg mit 5 Saiten erfordert es ein sehr präzises Anspielen der jeweiligen Saite.

René Zühlke (Naxos): Was sind ihre Pläne oder Projekte für die nähere Zukunft ?

Matthias Michael Beckmann: Ich widme mich dem Aufbau einer Celloklasse für 5-saitiges Violoncello.

René Zühlke (Naxos): Gibt es noch Momente, wo Sie dieses Cello doch noch eintauschen würden gegen ein Meistercello z.B. von Stradivari?

Matthias Michael Beckmann: Ich würde mit keinem Stradivari mehr tauschen, außer es hätte eine 5. Saite!

Published inKurzinterview

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