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„Saudade“ – Emotionen der Sehnsucht

Ein Gespräch mit der litauischen Komponistin Žibuoklė Martinaitytė über ihre Klangwelten

Schäfer: Frau Martinaitytė, zur Welt gekommen sind Sie in St. Petersburg, aufgewachsen in Kaunas (Litauen), heute leben Sie in New York. Inwieweit haben diese Orte Spuren in Ihren Kompositionen hinterlassen?

Martinaitytė: Orte, an denen wir leben, beeinflussen unsere Art zu sein, unsere Kommunikation und die Art und Weise, wie wir mit anderen in Beziehung treten, und haben zweifelsohne Auswirkungen auf unseren innersten künstlerischen Ausdruck. In meinem Fall ist es nicht immer einfach, diese Einflüsse nachzuvollziehen, weil sie in ihrer Gesamtheit eine Mischung ergeben… ein neues Gebilde. Ich kann ein paar Fäden unterscheiden, die in unterschiedlichen Anteilen in meine Kompositionen eingewoben sind. Einer ist diese rastlose Vorwärtsbewegung, die scheinbar keine Auflösung findet – diese Eigenschaft verbinde ich mit dem Leben in einer großen Metropole wie St. Petersburg, Russland oder New York City. Neben der Geschwindigkeit und der Unruhe, die für Großstädte typisch sind, gibt es auch eine unglaubliche Dichte an Menschen und Ereignissen, die immer gleichzeitig stattfinden. Diese Dichte hat einen Weg in meine musikalischen Texturen gefunden, die aus einer Vielzahl von Schichten bestehen. Im Kontrast dazu steht eine Räumlichkeit des Klangs, eine meditative Qualität der Langsamkeit, die mit dem Leben in kleineren, weniger bevölkerten Umgebungen wie Litauen in Verbindung gebracht werden kann. Auch die klimatischen Bedingungen können eine Rolle in unserem Lebensgefühl spielen. Litauen hat einen sehr langen Winter mit wenig natürlichem Licht und es regnet auch ziemlich viel. All das führt zu einem etwas melancholischen, nostalgischen emotionalen Terrain, in dem sich meine Musik natürlich bewegt.

Schäfer: Sie haben den „Guggenheim Fellowship“ erhalten und 2020 den „Lithuanian Government Award“ gewonnen, es scheint, Sie pendeln zwischen der Neuen Welt und Ihrer „alten“ Heimat Litauen hin und her. Die baltischen Länder haben in Europa eine einzigartige nationale Identität und (Musik-) Kultur ausgebildet. Inwiefern knüpfen Sie in Ihren Werken an die Musiksprache Ihrer Heimat an? Würden Sie sich selbst als „typisch“ litauische Komponistin bezeichnen?

Martinaitytė: Meine kulturellen Wurzeln liegen in Litauen, und ich denke, das ist in meiner Musik deutlich hörbar, besonders in der Wahl der Harmonien. Es gibt eine Anziehungskraft in Richtung bestimmter harmonischer Modi, wobei ich Intervallen den Vorzug gebe, die für mich am organischsten klingen. Das ist eine inhärente Manifestation der DNA einer harmonischen Sprache, die in der baltischen Region verbreitet ist. Obwohl der Umzug in die USA definitiv neue Schichten von Einflüssen und daraus resultierenden Wahrnehmungen hinzugefügt hat, hat er meine kulturelle Identität als litauische Komponistin nicht entfernt, sondern sie vielmehr in eine neue und größere Dimension erweitert.

Schäfer: Auf Ihrem neuen Album „Saudade“ hören wir Orchestermusik. Können Sie sich in der „Orchestersprache“ am besten ausdrücken?

Martinaitytė: Die orchestrale Palette ist mir am liebsten, um dafür zu komponieren. Sie bietet so viele Möglichkeiten, instrumentale Klangfarben zu mischen und Texturen zu überlagern. Die Arbeit mit orchestralen Farben ist zu einem der wesentlichen Strukturierungsprinzipien in meiner Musik geworden. Die Klangfarbe, ihre allmähliche Veränderung und Schichtung ist für mich viel wichtiger als die Gestaltung einer melodischen Geste. Ich kann z.B. ein einfaches harmonisches Muster als stabiles Fundament haben und darauf dann anfangen, die Abstufungen der orchestralen Farben sowie die Dichte der Textur zu variieren. Diese Prozesse sind so faszinierend, dass sie die Ohren und das Gehirn des Zuhörers beschäftigen können, ohne dass es einer größeren Veränderung des musikalischen Flusses bedarf. So werden scheinbar statische Texturen durch die ständigen Veränderungen auf der Mikroebene strahlend lebendig.

Schäfer: Alle vier auf der CD zu hörenden Werke haben Titel wie etwa „Horizons“. Was bedeuten Ihnen die Titel? Sollen sie die Aufmerksamkeit des Hörers in eine bestimmte Richtung lenken?

Martinaitytė: Die Titel der Stücke sind sehr oft Fremdwörter, die meine Vorstellungskraft auslösen und denen eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben wird. Die Konzepte oder emotionalen Territorien, zu denen wir durch diese Worte eingeladen werden, sind ziemlich weit gefasst. Die allgemeine Richtung ist also definitiv vorhanden, aber die Reise wird nur durch die Musik selbst enthüllt, die emotionale Erinnerungen oder imaginative Träume im Kopf des Zuhörers hervorruft. Nehmen wir das Stück „Saudade“ als Beispiel, so steht dieses portugiesische Wort für Nostalgie. Doch wird es nicht nur einfach als Sehnsucht nach etwas verstanden, das wir nicht haben oder verloren haben, sondern es ist fast eine metaphysische Kategorie, eine Meta-Sehnsucht nach der Existenz, die wir nie erfahren haben. Der Titel ist nur ein Hinweis auf das, was wir in dem Stück hören werden, das ich ansonsten als Variationen und Erkundungen der Sehnsucht beschreiben würde. Da ist dieses eindringliche Motiv am Anfang, eine Melodie, die unglaubliche Verwandlungen in Farbe, Register und Textur durchläuft – von den klanglichen Variationen bis zur Ausdehnung in die extremen Register, wo der Klang nicht mehr vom Geräusch zu unterscheiden ist, von leicht wahrnehmbaren melodischen Gesten bis zu überwältigend großen Klangmassen oder fast immateriellen und transparenten Klangtexturen. Genauso wie die Emotion der Sehnsucht, die sich auf unterschiedlichste Weise ausdrücken kann – von stiller Traurigkeit bis hin zu einem heftigen Ausbruch, der sich in unseren Träumen ereignet.

Schäfer: In allen vier Kompositionen, die auf der CD zu hören sind, knüpfen Sie an Verfahren der musikalischen Avantgarde an, trotzdem klingen die Werke nie kalt konstruiert oder gar emotionslos, im Gegenteil. Würden Sie sich selbst als eine postmoderne Künstlerin bezeichnen? Oder schlägt gerade darin Ihr baltisches Erbe durch? Denn die „reine“ Atonalität und Serialität hat sich im Baltikum nie wirklich durchgesetzt.

Martinaitytė: Ja. Ich würde dieser Beschreibung zustimmen, ein postmoderner Künstler zu sein. In meinen frühen Jahren des Komponierens war ich an komplexen Strukturen der Musik interessiert und ich versuchte, meine Musik durch den übermäßigen Gebrauch von erweiterten instrumentalen Techniken „moderner“ klingen zu lassen. Ich stellte die Mittel in den Vordergrund und nicht den Inhalt. Diese Einstellung zur Musik wurde durch den frühen Tod meines Vaters radikal verändert. Ich wurde an unsere unbeständige Natur als menschliche Wesen erinnert und irgendwie kam ich in diesem Licht zu der Erkenntnis, dass ich mich nicht für meine Emotionen schämen oder sie verstecken sollte. Ein Komponist zu sein, bedeutete nicht nur, sein Gehirn zu benutzen, sondern auch sein Herz nicht zu vergessen. Ich wollte in meiner Musik ganz ich selbst sein, ohne jegliche Verstellung. Ich musste ehrlich zu mir und anderen sein. Das betraf sowohl meine Emotionen als auch meinen Intellekt und das strukturelle Denken, durch das die Emotionen vermittelt werden. Andererseits war, wie Sie anmerkten, die „reine Atonalität und der Serialismus“ nie der Hauptstil der Musik im Baltikum, auch wenn wir einige Vertreter davon hatten.

Schäfer: Wir hören die Werke auf dem Album nicht in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Gibt es einen Grund für die Anordnung?

Martinaitytė: Die Werke auf dem Album sind nicht in einer historischen Reihenfolge angeordnet, sondern so, dass sie für den Hörer als eine zusammenhängende emotionale Reise Sinn ergibt. Als ob diese 4 Stücke zusammen ein neues Meta-Stück ergeben. Diese Logik ist auch beim Kuratieren eines Konzertprogramms üblich, bei dem man nicht zwei ähnliche Stücke nebeneinander stellt, sondern ihre Unterschiede durch Nebeneinanderstellung beleuchtet. Es ist nur natürlich, dass wir nach einer tief bewegenden musikalischen Erfahrung den Wunsch haben, uns ein wenig auszuruhen und etwas zu hören, das „leicht verdaulich“ oder angenehmer für unsere Ohren ist. Diese CD beginnt mit „Saudade“, das eine ziemlich intensive emotionale Reise sein kann. Das zweite Stück „Millefleur“ bietet einen Ausgleich – ich beschreibe es als „akustischen Hedonismus“, als einen Spaziergang in einem schönen Klanggarten. Außerdem kann manchmal die Idee, die am Ende eines Stückes präsentiert wird, zum Einstiegspunkt für das nächste Stück werden. Zum Beispiel endet „Millefleur“ mit dieser weitläufigen, räumlichen Atmosphäre, die mit der ganzen Idee von „Horizons“, dem dritten Stück des Albums, mitschwingt. Die Entscheidung für diese besondere Reihenfolge der Stücke war die gemeinsame kreative Anstrengung des Produzenten, der Aufnahmetechniker und von mir.

Schäfer: Die Einspielung fand 2020 unter Lockdown-Bedingungen statt. Wenn ich so fragen darf: Ist die Stille des Lockdowns in die Aufnahme mit eingeflossen? Mir selbst will es manchmal so scheinen, wenn ich „Saudade“ oder, vor allem, die fragile Komposition „Millefleur“ höre…

Martinaitytė: Ich denke, der Lockdown hat definitiv Spuren in dieser Aufnahme hinterlassen. Während unserer Aufnahmesessions in der Litauischen Nationalphilharmonie in Vilnius war eine ganz besondere Atmosphäre zu spüren. Nach der ersten Welle der Pandemie in Litauen haben die Musiker es vermisst, zusammen zu spielen und Musik nicht nur über ihre Geräte zu hören, sondern live als physisch präsentes Klangbild. Deshalb haben sie jeden Moment des Zusammenseins als Orchester sehr wertgeschätzt und das daraus resultierende spirituelle Gefühl wurde in die Musik übertragen. Die Erfahrung der Isolation verwandelte sich augenblicklich in ein fast euphorisches, wenn auch etwas zerbrechliches Gefühl der Einheit auf einer menschlichen Ebene. Musik bringt Menschen zusammen, und in diesem Fall tat sie es wirklich. Man kann es hören, wenn man sich auf dieses Album einlässt.

Albumtitel: Saudade
Komponistin: Zibuokle Martinaityte
Dirigent: Gabrielius Alekna
Lithuanian Chamber Orchestra
Lithuanian National Symphony Orchestra
Art. Nr.: ODE1386-2
EAN: 761195138625

© Dr. Burkhard Schäfer


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