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„Die Texte, die ich vertone, müssen in meiner Seele mitschwingen“

Interview mit Tõnu Korvits zum Album „You Are Light and Morning“

Schäfer: Was bedeutet es für Sie, Chormusik zu schreiben?

Korvits: Die menschliche Stimme ist ein so mächtiges Instrument. Ich liebe es, für Stimmen zu komponieren – irgendwie so natürlich, als wenn man das Wasser im Fluss oder in der Quelle fließen sieht. Ich möchte eine Herausforderung in meinen Gesangsparts haben, aber ich möchte auf keinen Fall, dass sich die Sängerinnen und Sänger unwohl fühlen. Und die menschliche Stimme klingt so gut mit den Streichern zusammen. Da ist etwas Ähnliches in ihren Obertönen, so werden sie nie langweilig und man könnte ihnen ewig zuhören.

Schäfer: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Texte aus, die Sie vertonen?

Korvits: Texte sprechen meist auf ihre stille Art zum Zuhörer. Der „Klang“ der Poesie ist extrem wichtig. Ich vertone ungern weniger gute Texte. Die Texte, die ich verwende, müssen in meiner Seele mitschwingen. Es wäre perfekt, wenn der Text nicht gleich im ersten Moment alle seine Schätze offenbart. Das ist ein Geheimnis, eine Herausforderung. Ich arbeite bereits seit vielen Jahren mit der großartigen estnischen Dichterin Doris Kareva zusammen. Sie hat schon viele Texte für mich geschrieben und auch die Brontë- und Pavese-Texte für die CDs „Moorland Elegies“ und „You Are Light and Morning“ übersetzt. Und sie hat mir geholfen, was die Reihenfolge der Gedichte im Zyklus betrifft.

Schäfer: Spielen Duktus, Rhythmus und Klang der jeweiligen Landessprache, die Sie Ihrer Musik zugrunde legen, eine Rolle bei der Vertonung?

Korvits: Ja, natürlich. Die Klänge, die Muster und die Melodien der Texte beeinflussen auf ihre Art auch die Musik. Dies ist ein interessanter Prozess: Das Schreiben auf Italienisch oder Englisch ist anders als das Schreiben auf Estnisch. Alles ist anders und einzigartig. Man könnte meinen, dass die Stücke in Englisch oder Latein von mir öfter aufgeführt werden. Mein meistaufgeführter Chorzyklus ist auf Estnisch, „Kreek’s Notebook“, das auf alten religiösen Volksweisen aus Estland basiert. In „Moorland Elegies“ habe ich die Texte von Emily Brontë verwendet. Das sind wirklich kraftvolle Gedichte über Liebe, Einsamkeit, Sehnsucht und Natur. Es steckt ein gewisser Mut in ihren Texten.

Schäfer: Wann und wie wissen Sie, ob ein Text für Sie passt?

Korvits: Ich habe bemerkt, dass die Texte zu einem kommen, wenn man bereit ist. Einer meiner italienischen Freunde sagte zu mir, nachdem er „Moorland Elegies“ im Konzert in Turin gehört hatte: „Tõnu, du solltest Texte von Cesare Pavese lesen!“. Das habe ich getan – und mich dann sofort in Paveses Gedichte verliebt. Es gibt so viele Dinge – Liebe, Leben, Tod, Nostalgie, Natur (die ich verehre!), Melancholie… Pavese ist tragisch gestorben, aber seine Gedichte sind voller Verehrung für das Leben und alles Lebendige. Seine Gedichte „atmen“ irgendwie auf ihre eigene besondere Art. Ich habe auch zwei seiner Gedichte verwendet, die ursprünglich auf Englisch geschrieben waren und die er seiner Liebe, der Schauspielerin Constance Dowling, gewidmet hat. Und ich bin sicher, dass „Verrà la morte e avrà i tuoi occhi“ („Der Tod wird kommen und deine Augen haben“) eines der kraftvollsten Gedichte ist, das je geschrieben wurde.

Schäfer: Greifen Sie bei Ihren Vokalkompositionen auch auf bestimmte bewährte Muster zurück, um die Stimmen ins beste Licht zu rücken?

Korvits: Nun, natürlich gibt es bestimmte technische „Schlüssel“ zur Welt der Vokalmusik. Es ist ein lebenslanger Prozess, sie zu studieren. Nach einiger Zeit spürt man intuitiv, was gut ist und was nicht. Überhaupt liebe ich es, melodisch zu denken, auch wenn ich für Instrumente komponiere. Ja, Instrumente haben genauso ihr eigenes Lied, es ist ein Lied ohne Worte… Dies erinnerte mich an den „Psalm“ von John Coltrane auf seinem Album „A Love Supreme“ – eine Instrumentalmusik, basierend auf Text!

Schäfer: Wie empfinden Sie die enge Zusammenarbeit mit dem Estonian Philharmonic Chamber Choir und dem Tallinn Chamber Orchestra?

Korvits: Ein Komponist ohne Dirigent, Sänger oder Instrumentalist ist wie ein Robinson Crusoe auf einer verlassenen Insel. Deshalb bin ich glücklich und privilegiert, eine so enge musikalische Freundschaft zu EPCC, Tallinn CO und Dirigent Risto Joost zu haben. Wir pflegen eine Form der Freundschaft, bei der man manchmal keine Worte braucht, um die Dinge zu erklären. Die Musik wird von diesen Musikern geradezu selbstverständlich verinnerlicht. Ich fühle mich deshalb geehrt, mit ihnen der Musik zu dienen.

Schäfer: Sehen Sie sich in der baltischen Musiktradition Ihres Heimatlandes verwurzelt?

Korvits: Absolut! Wir haben eine reiche Tradition des Chorgesangs. Und natürlich hinterlässt das alles Spuren in einem selbst: Chormusik, Volksmusik, große Sängerfeste – die wir alle fünf Jahre feiern –, auch die Musik, mit der man aufwächst, sowie die Menschen und Musiker, die man trifft. Meine Heimat ist genau dieses kleine nordische Land. Ich liebe den Gedanken, dass sich das alles irgendwie in meiner Seele und in meiner Musik widerspiegelt.

© Dr. Burkhard Schäfer


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