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Transvestiten zwischen John Dowland und Frida Kahlo sowie Beethoven auf Speed

Achtung, jetzt wird es schräg!

Während es Medienverantwortliche geben mag, die glauben, klassische Musik präsentiere man „zeitgemäß“ am besten anhand von Zeitschriften und Blogs, die aussehen, als seien sie eine Mischung aus „Manufactum“-Katalog und „Landlust“, schauen wir im Rahmen dieses Artikels in die bislang gewagtesten Abgründe eines Genres, das allgemein für konservativ und altmodisch gehalten wird.

Wir sehen eine Transvestitengruppe aus Irland, die mit ihrer internationalen Besetzung das Wort „Alte Musik“ neu definiert und darunter nicht nur Klänge aus dem 16. und 17. Jahrhundert versteht, sondern auch mal eine gepflegte Hank Williams-Ballade.

Wir schauen auch auf die ungewöhnliche Karriere eines vorgeblich pillenschluckenden, dauerquasselnden Klavierkobolds namens James („Jimmy“) Rhodes, der sein Publikum nicht nur mit klassischer Klaviermusik unterhält, sondern auch mit dem gezielten Einsatz des allseits bekannten „F“-Worts.

DIE CD FÜR DEN ELEGANTEN PURISTENMORD (…per Schock!)

„The Dublin Drag Orchestra“ (übersetzt also in etwa „Das Dubliner Transvestiten-Orchester“) ist so ziemlich die ungewöhnlichste Alte Musik-Formation, die man sich vorstellen kann. In aufwendigster Kostümierung, übertrieben bis zum Geht-nicht-mehr, mit deutlichem Hang zu ironischer Selbstinszenierung befürchtet man zunächst das Schlimmste:

Das Dublin Drag Orchestra gibt Rätsel auf.
Bildquelle: Heresy records.

Ist das etwa eine dieser „Switched On Bach“-Epigonen-Truppen, die Barockmusik qua Glittergewand ins 21. Jahrhundert zu tragen gedenken? Weit gefehlt!

Das Dublin Drag Orchestra muss man gehört haben, um es zu verstehen. Es ist jedenfalls nicht so leicht, dieses Ensemble irgendwie „verorten“ zu wollen. Die Musikerinnen und Musiker entziehen sich wie auch immer gearteten „Einordnungsversuchen“ ebenso gekonnt wie konsequent.

Ist das Dublin Drag Orchestra eine bloße Chaos-Truppe? Keinesfalls, denn sie verstehen ihr Handwerk, sind ganz hervorragende Musiker, und viele ihrer Interpretationen von englischen und mexikanischen Renaissance- und Barockmusikwerken stehen „konventionellen“ Darbietungen in nichts nach, sind teilweise sogar überlegen.

Andererseits macht sich das Dublin Drag Orchestra auch über so manches lustig, zum Beispiel wenn in Henry Laws „Fear Not, Dear Love“ so übertrieben geschluchzt wird, dass einem in der Tat die Tränen kommen – allerdings Tränen des Lachens, nicht des Weinens.

Auch der aus meiner Sicht herausragende Coup, das vorzügliche Stück „Cold, Cold Heart“ des Countrybarden Hank Williams (1923-1953) auf eine der beiden CDs dieses Doppelpacks zu schmuggeln, sorgt nicht nur für wohliges Schmunzeln, sondern vermag ob seiner musikalisch schlicht großartigen Ausführung tiefste Anerkennung zu erheischen.

Etwas ganz Ähnliches versuchen die Transvestiten aus Dublin auch auf der zweiten CD, wo sie ein Stück der mexikanischen Künstlerinnen-Ikone Frida Kahlo Werken mexikanischer Barockmusik aus dem 17. Jahrhundert gegenüberstellen. Nur funktioniert das nicht ganz so gut, wie bei der zuvor genannten Hank Williams-Attacke.

Kurz und gut: Was will das Dublin Drag Orchestra? Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung! Die Musik ist prima, eben einfach Alte Musik unverkrampft, die Ausführung ist grandios. Alles andere ist schräg und ansonsten reichlich rätselhaft.

Nicht alles an diesem Debüt-Album ist geschmackssicher, vieles ist musikalisch aufsehenerregend, das Meiste ist jedenfalls sehr unterhaltsam.

Wer einen verknöcherten „Alte-Musik“-Anhänger unter seiner Bekanntschaft weiß, der CDs als Ton gewordene Forschungsergebnisse der zeitgenössischen Musikwissenschaft betrachtet, hat mit dem Album des „Dublin Drag Orchestra“ eine veritable Mordwaffe für ebensolche Leute in der Hand.

(…)

Details zur vorgestellten CD:

The Dublin Drag Orchestra

Motion of the Heart / ¡VIVA FRIDA! (Doppel-CD)

Heresy / Naxos

Katalog-Nr.: Heresy 003 / EAN: 5060268640139

 

Weitere Rezensionen finden Sie bei:

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Veröffentlicht inThe-Listener

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