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The King’s Singers – pater noster

Das Vaterunser im musikalischen Spiegel der Jahrhunderte

Das Vaterunser ist das Gebet der Gebete. Von Jesus Christus selbst soll es laut Bibeltext stammen, und daher ist es jedem Christen auf der Welt bekannt. Es dürfte damit eines der weltweit am meisten verbreiteten Gebete sein, wenn nicht das am meisten verbreitete überhaupt.
Es nimmt daher nicht Wunder, dass sich quer durch die kunstgeschichtlichen Epochen immer wieder Vertonungen des gesamten Gebets oder von einzelnen seiner Textbestandteile ergeben haben. Das reicht von der gregorianischen „Urfassung“, die nur in leichter melodischer Vereinfachung auch heute noch im Gottesdienst gesungen wird, bis hin zu im direkten Vergleich ziemlich aktuellen Fassungen aus dem 20. Jahrhundert.

Die King’s Singers, die wohl bekannteste und beliebteste a cappella-“Mengroup“ auf dem Klassikmarkt, haben diesen Gedanken aufgegriffen und ein wunderbares neues Album aufgelegt. Es trägt den schlichten Titel „pater noster“ und widmet sich zur Gänze allen nur möglichen Vertonungen und musikalischen Reflexionen des Vaterunser-Gebetstextes.
Mit dem gregorianischen „pater noster“ beginnt das Album und führt uns anschließend anhand einzelner Mottos aus dem Gebetstext durch die Jahrhunderte. Fast 70 Minuten Musik sind dabei zusammengekommen oder anders formuliert: 25 Vertonungen, deren Urheber von anonymen, im Dunkel der Kunstgeschichte vergessenen Gestalten bis hin zu Prominenten der klassischen Moderne, wie etwa Francis Poulenc, Igor Strawinsky, Leonard Bernstein oder William Harris reichen. Aus der Renaissance und dem Barock sind Namen wie Heinrich Schütz, Henry Purcell, William Byrd, Orlando di Lasso und Palestrina bekannt.

Etliche Entdeckungen gilt es hier zu machen, und es ist bemerkenswert, wie unterschiedlich die Vertonungen und Reflexionen über den Gebetstext ausgefallen sind. William Harris‘ Version überrascht zum Beispiel mit Anklängen an Jazzmusik mindestens eben so sehr, wie die äußerst zurückgenommene, kontemplative einstimmige Fassung aus der Feder des Juden Leonard Bernstein.
Das musikalische Highlight bildet in meinen Augen die von den Harmonien der russisch-orthodoxen Kirche durchsetzte Vertonung des Gebets durch Igor Strawinsky sowie die „quatre petites prières de François d’Assise“ aus der Feder von Francis Poulenc. Hierbei hat der französische Meister Gebetsmeditationen des Heiligen Franziskus über das Vaterunser mit seinem unnachahmlichen, zwischen Expressionismus, Kirchenmusik und französischem Chanson existierenden Melodienreichtum eingelullt.

Die King’s Singers bieten – wie sollte es anders sein – eine Ausnahmeperformance nach der anderen. Sie sind ohne jeden Zweifel das führende Vokalensemble auf ihrem Sektor und werden das wohl auch noch lange bleiben. Die Grammy Award-Gewinner des Jahres 2009 haben mit ihrem Naxos-Debüt eine CD vorgelegt, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Sie regt uns dazu an, sich mal wieder ausreichend Zeit zu nehmen: Zeit für das Gebet, das so viel Nachhall in aller Welt erzeugt hat und Zeit dafür, sich mit diesem Nachhall auf das Vaterunser zu beschäftigen.

25 Facetten des Vaterunser warten auf diesem herrlichen, auch klanglich vollauf gelungenen Album auf die Wiederentdeckung.

Pater Noster
The King’s Singers

(2012)  Naxos Katalog-Nr.: 8.572987 / EAN: 747313298778


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Veröffentlicht inThe-Listener

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