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Spencer Meyer – Merkin Concert Hall, 21.Oktober 2009

 Wer hat den Applaus verdient?

 Noch hat der junge Pianist Spencer Myer keinen Weltruhm erlangt, doch er gehört mit Sicherheit zu den Auserwählten seiner Generation, die auf dem besten Wege dazu sind.

Astral, eine in Philadelphia gegründete Organisation zur Förderung junger Musiker, präsentierte am 21. Oktober sein Konzert in der Merkin Concert Hall an New Yorks Upper Westside. Mit sicherem Auftreten spielte er ein Programm, das durch unprätentiöse Vervollkommnung beeindruckte.

Bediente man sich des Ausdrucks der ‚Ausgeglichenheit’, liefe man leicht Gefahr, missverstanden zu werden. Hier ist ‚Ausgeglichenheit’ keineswegs als freundlichere Bezeichnung für Langeweile zu verstehen, sondern ganz im Gegenteil als ideales Maß.

Beim Klavierspielen muss alles im Verhältnis zueinander gesehen werden: Was ist zum Beispiel laut, und was ist leise. Das Tempo eines Laufes wird erst durch das relativ langsamere des ganzen Stückes bestimmt. Maßgebend ist die Steigerung innerhalb einzelner Abstufungen; erst durch diese wird ein vollendetes Klangbild erzeugt. Technisch perfekte Kontrolle dieser Abstufungen ist die Voraussetzung differenzierter musikalischer Ausdrucksfähigkeit.

Doch wann übernimmt das Temperament des Musikers die zugrundeliegende Botschaft des Komponisten, und inwieweit ist er in der Lage, auch trotz der komplizierten technischen Griffe nur die Musik und nicht den Arbeitsaufwand in den Vordergrund zu stellen? Sollte eine musikalische Darbietung eine gewisse Leichtigkeit behalten und das Publikum inspirieren? Dies sind nur einige von vielen möglichen Fragen und Widersprüchen, die Spencer Myer in seinem Konzert äußerst harmonisch löste.

Das Programm selbst bot eine eklektische Auswahl zeitlich unterschiedlicher Stilrichtungen und somit nicht nur Abwechslung, sondern es bewies auch Spencer Myers Beherrschung der verschiedensten Charakteristika einzelner Musikstile.

In Georg Friedrich Händels Suite No.2 in F-Dur (HWV 427) zum Beispiel brachte Myer das ständige Spiel zwischen führender Melodie und harmonischer Substanz besonders wirkungsvoll zu vollen theatralischen Ausdruck.

Leos Janaceks Sonate 1.X von 1905, ein eher schwieriges Werk, war ein weiterer Programmhöhepunkt, den er mit eindringlicher Präsenz vorstellte.

Myers Interpretation der vier Schubert – Impromtus (Op.90) war für mich jedoch der absolute Höhepunkt des Konzertes. Bislang war Eva Maria Pires’ Wiedergabe des Werkes für mich maßgebend gewesen. Nun muss ich Myers Version einen ebenso hohen Rang einräumen. Meisterhaft kalkuliert in der gleichmäßigen Einhaltung der Tempi und wunderbar differenziert in der Tonpalette, wurde er diesen melodischen Kleinoden voll und ganz gerecht.

Seine stilistische Anpassungsfähigkeit zeigte sich auch in der ganz unterschiedlichen Handhabung früher jazziger Rhythmen, so in Aaron Coplands Pianovariations. El amor y la muerte (Liebe und Tod ) und Los requiebros (Liebelei), beide aus dem Goyescas-Zyklus, gaben Spencer Myer ausreichend Gelegenheit, seinem Charme freien Lauf zu lassen. Die innigen und etwas ‚verruchten’ Tanzrhythmen verloren dennoch nie ihren eigenen Charakter.

Ein begeistertes Publikum und stehender Beifall für Myer, der sich mit zwei Zugaben bedankte: Ein Stück, das auf keinem seiner Konzerte fehlen darf – Debussys Possoin d’Or – und, als ganz besondere Note, Gershwins Embraceable You, arrangiert von Earl Wilde, schlossen den Abend in der fast ausgebuchten Halle ab.

Ich hatte schon vor diesem wunderbaren Abend Gelegenheit, persönlich mit Spencer Myer ins Gespräch zu kommen. Zu seiner etwas enttäuschenden Platzierung im Van Cliburn, noch immer einer der bedeutendsten internationalen Wettbewerbe, hatte er folgendes zu sagen:

„Ich habe dieses Kapitel in meinem Leben glücklicherweise abgeschlossen; dennoch muss ich sagen, dass mir die Wettbewerbe viele Auftrittsmöglichkeiten und Kontakte verschafft haben. Häufig wurde ich angesprochen: ‚Ich mag Ihre Art zu spielen, bitte geben Sie mir Ihre Karte.’ 2004 dann gewann ich den UNISA-Wettbewerb in Südafrika, was zu sieben Auftritten mit Orchestern und zu langfristigen Beziehungen führte. Für das Jahr 2010 sind weitere Auftritte in Südafrika geplant.“

Ich interessiere mich sehr dafür, wie Künstler eigentlich zu ihrer Kunst kommen.

Wacht man plötzlich auf und weis, dass man Pianist werden will? Wächst man in diese Rolle hinein oder wird man durch übereifrige Eltern oder einen Lehrer in eine Berufslaufbahn gedrängt, in der man sich zwar gerne und erfolgreich betätigt, die aber eigentlich nie zum Broterwerb werden sollte?

Jeder Künstler hat da seine ganz eigene Geschichte.

Myer erinnert sich: „Als Sechsjähriger stand ich mit meiner Mutter Schlange, um in die Baseball-Mannschaft aufgenommen zu werden. Da realisierte ich plötzlich, dass ich eigentlich viel lieber Klavier spielen würde und eröffnete dies meiner Mutter. Zum Glück zeigte sie Verständnis und ich durfte Klavierstunden nehmen.“

Und weiter meint er: “Ich würde mich nicht als Wunderkind bezeichnen. Das Talent und die Liebe zum Klavierspielen waren gegeben, aber ich hatte auch eine sehr ausgeglichene Kindheit in einem guten sozialen Umfeld.“

Das erklärt wohl auch Myers ausgewogene Einstellung zu den vielfältigen Herausforderungen, denen er als Konzertpianist ständig ausgesetzt ist: “Man darf nicht alles so ernst nehmen. Man bereitet sich vor, so gut man kann, auch um sich weiter zu entwickeln, und dann gibt man sein Bestes. Wenn man sich die Mißerfolge zu sehr zu Herzen nimmt, kann man daran zugrunde gehen.“

Seit 2003 ist Myers in guten Händen. Wie auch Simone Dinnerstein wurde er Mitglied bei Astral, die im gleichen Jahr seinen Soloauftritt und sein Orchester – Debut in Philadelphia präsentierten.

Für jeden angehenden Pianisten ist es eine große Frage, welche Lehrer für ihn in Frage kommen. Das ist natürlich immer eine sehr subjektive Entscheidung, und pragmatische Gegebenheiten spielen dabei meist eine grosse Rolle. Wie viele seiner Zeitgenossen hatte Spencer Myer eine ganze Reihe von Lehrern, deren Methodik zum Teil sehr variierte: Mal mehr von den Fingern ausgehend, mal mehr mit entspanntem Arm – je nach Schule und Tradition des jeweiligen Lehrers war der Ansatz oft ganz unterschiedlich, was natürlich leicht zu Verwirrung führen kann.

Zu Myers’ Lehrern gehörten hochrespektierte, zum Teil sehr bekannte Persönlichkeiten, die den Ruf grosser Pianisten und Lehrmeister genossen und ihm viele wunderbare Einsichten vermitteln konnten. Da war zum Beispiel Joseph Schwarz, den eine lange Tradition mit der legendären Rosina Lhevienne verband, oder der Leon Fleischer-Schüler Peter Takacs – aktiv auftretende Künstler, deren Einfluss zweifelsohne sehr inspirierend war.

Im College-Alter machte sich bei Myer jedoch Unbehagen beim Klavierspielen bemerkbar, und dieses Unbehagen äußerte sich in Verspannungen der Muskulatur, ganz besonders der Muskeln unterhalb der Armbeuge. Von Klavierschülern um den Oberlin-Professor Robert Shannon hörte Myer damals zum ersten Mal von der Taubman-Technik, die eine Analyse natürlicher Bewegungsabläufe beim Klavierspiel auf Video vorstellte. Dieses revolutionäre Konzept wies bereits erste Erfolge auf. Dorothy Taubman war es in ihrem Brooklyner Studio gelungen, Robert Shannon von seinen Schmerzen beim Klavierspielen zu erlösen – eine Heilung, die Shannon veranlasste, Taubmans Lehre weiter zu verbreiten.

Nachdem Myer für sein Master-Diplom bei der Juilliard-School in New York angenommen worden war, begegnete er schließlich Julian Martin, der für ihn der größte und entscheidendste Einfluss seiner Laufbahn werden sollte. Der Fleischer-Schüler Martin war es denn auch, der Myer einen inspirierenden Weg zur Verbindung von analytisch-technischem Denken und musikalischer Struktur aufzeigte.

2003 wirkte Myer als Pianist bei der Aufnahme der Uraufführung von Huang Ruos Chamber Concerto-Zyklus beim International Contemporary Ensemble mit. Seine erste eigene CD wurde vor kurzem von Harmonia Mundi USA veröffentlicht.

Für Allan Kozinn von der New York Times war dieses Konzert die Nummer 2 der Top-10 Momente klassischer Musik des Jahres 2003.

Die großzügige Unterstützung seiner Ausbildung durch die American Pianist Association im Jahre 2006 war ein weiterer Meilenstein in Myers Leben.

Inzwischen hat Spencer Myer seinen Doktor gemacht; er sieht sich zwar nach wie vor in erster Linie als aktiver Konzertpianist, glaubt aber, dass dies eine akademische Laufbahn keineswegs ausschließen muss. Im kommenden Jahr wird er seinen ehemaligen Lehrer Peter Takacz ein Jahr lang am Oberlin-College vertreten.

Seine ausgeglichene Wesensart spiegelt sich also nicht nur in seinem Klavierspiel wieder, sondern durchzieht seine gesamte Lebenseinstellung: “Ich liebe meine Tätigkeit sehr und fühle mich wohl als Musiker. Mein Freundeskreis setzt sich zum Grossteil aus Musikern zusammen und der gemeinsame Lebensstil ist sehr verbindend. Ich hoffe noch viele Konzerte mit Orchestern zu spielen und meine regelmäßigen Auftritte auszubauen. Aber ich bin auch gern flexibel und liebe die Abwechslung. Das Gefühl, ein Versager zu sein, wenn ich nicht jedes Jahr mit den New Yorker Philharmonikern auftrete, habe ich nicht“, meint Myer bescheiden.

Meine ganz persönliche Meinung ist, dass genau das bald Wirklichkeit werden könnte. Spencer Myer hat sich den Applaus verdient.

Damit verbleibe ich ‚wohltemperiert aus New York‘  Ihre Ilona Oltuski

Veröffentlicht inGrenzüberschreitend

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