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Sergej Rachmaninoff — Sinfonie Nr. 2 / Vocalise

Offenbarung zum Nachhören — Sensationelle neue Rachmaninoff-Referenz aus London

Dass es auch im Klassikgeschäft Einsparmaßnahmen und „Joint Venture“-Effekte unterschiedlichster Art gibt, konnte man ja ahnen. Doch nur selten wird so etwas so „sichtbar“ und hörbar, wie bei der hier vorgelegten Aufnahme des Royal Philharmonic Orchestra, die in diesen Tagen auf dem orchestereigenen Label erscheint.

Allein die Besetzung dieser Einspielung macht einen doch stutzig: Royal Philharmonic Orchestra unter dem Dirigat von Dmitry Yablonsky und mit dem Klaviersolisten Farhad Badalbeyli… hatten wir das nicht schon einmal? Jawohl, und zwar bei der hervorragenden CD mit aserbaidschanischen Klavierkonzerten , die wir tatsächlich erst vor wenigen Wochen auf diesen Seiten in höchsten Tönen gelobt hatten. Schaut man bei der hier vorgelegten neuen Rachmaninoff-Einspielung nun auf die Angaben zu Produzent, Tonmeister und Aufnahmezeitraum, fällt auf: Diese CD ist mit demselben Personal, in denselben Räumlichkeiten und in derselben Woche eingespielt worden, wie die zuvor genannte Naxos-CD. Soll heißen: Diese Rachmaninoff-CD entstammt derselben Aufnahmesession, die demzufolge nicht weniger als drei Klavierkonzerte, etwas „versprengte“ Musik für Klavier und Sinfonieorchester, diese große Sinfonie sowie eine hier ebenfalls zu hörende Kammermusikaufnahme zum Inhalt hatte.

So etwas mag ja befremdlich wirken, doch wenn dabei so wundervolle Aufnahmen entstehen, wie die hier genannten, dann entschädigt das für alles.

Rachmaninoffs Musik war schon zu Beginn der Schallplattenära ein Verkaufsgarant. Hier im Bild: Eine Werbeanzeige der Schallplattenfirma Victrola aus den 1930er-Jahren mit Rachmaninoff-Konterfei. Bildquelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Rachmaninoff.jpg&filetimestamp=20060603172334

Die hier vorgelegte Neueinspielung von Rachmaninoffs so berühmter wie berüchtigter zweiter Sinfonie profitiert jedenfalls enorm von dem sagenhaft vulominösen und warmen Sound, den ich schon bei der Einspielung der aserbaidschanischen Klavierkonzerte gelobt hatte. Dieser Klang ist einfach wie ein Bad in warmer Milch (jedenfalls stelle ich mir das so vor…). Es ist ein Luxus für die Ohren und stellt für mich eine der angenehmsten und befriedigendsten Hörerfahrungen des laufenden Jahres dar. Doch was nützt der gute Sound, wenn die Interpretation nicht stimmt? Doch auch von dieser „Front“ kann man nur Gutes vermelden: Dmitry Yablonsky, dessen Rachmaninoff-Dirigat mich bei den seinerzeit auf Naxos erschienenen Klavierkonzerten überhaupt nicht beeindrucken konnte, verfährt nun mit der zweiten Sinfonie in einer Art und Weise, wie ich es selten gehört habe.

Vergesst Previn! Vergesst Zinman! Vergesst Ashkenazy! Yablonsky hat die neue Deutungshoheit über diese Musik!

Er weiß um die Gefahren dieser Komposition, die so oft zur Schmonzette herabgewürdigt wurde, dass sie mittlerweile als Solche gilt. Doch Yablonsky zeigt, was in Rachmaninoffs Zweiter so alles drin steckt: Die Nähe zu Wagner im ersten Satz, die unglaublich versierte und schlüssige Behandlung des Hauptthemas, die fantastische Orchestration, auch manche „unbequeme“ Stelle und — natürlich — Melodien, Melodien, Melodien… — die aber in Yablonskys Lesart gar nicht so weit, um nicht zu sagen: erstaunlich nah, an dem Lieblingsmodell der Kulturästheten ertönen: Gustav Mahler. Es ist frappierend, wie Yablonsky diese Sinfonie von ihrem (und das wird nun klar) angedichteten Pathos befreit und sie wieder atmen lässt. Hier ist nichts schwer, nichts schmalzig oder rührselig. Hier ertönt Rachmaninoff sogar auf der Höhe seiner Zeit, was sehr die gängige Meinung infragestellt, inwieweit die zweite Sinfonie tatsächlich ein anachronistisches Stück ist. Ich denke, dass man das spätestens nach dieser grandiosen Deutung kaum noch behaupten kann.

Für all jene, die Schnulze erwartet hatten und Kunstgenuss bekamen, liefern Yablonsky (der ja auch Cellist ist) und Klaviervirtuose Farhad Badalbeyli eine ebenfalls sehr gelungene und geschmackvolle Bearbeitung der bekannten „Vocalise“ aus Rachmaninoffs Opus 34 als sehr willkommenen „Nachtisch“.

Fazit: „Grandios“ wäre für diese Neueinspielung von Rachmaninoffs Zweiter noch untertrieben! Diese Aufnahme ist nichts weniger als eine Offenbarung! Sie lichtet die Schleier, die bislang viel zu oft über dieser Musik lagen und macht endlich deutlich: Diese Musik markiert einen Höhepunkt in der Orchestermusik des frühen 20. Jahrhunderts. Sie ist nicht weniger markant als Mahlers Werke desselben Zeitraums. Wenngleich sie sich auch zugegebenermaßen weniger der Zukunft zugewand präsentiert, als die Werke des böhmischen Jahrhundertgenies, so ist sie doch unzweifelhaft ein Stück auf der Höhe seiner Zeit und vermag genauso zu berühren und — ja — auch zu erschüttern. Selbst im als „Schmalz“ verschrieenen dritten Satz arbeitet Yablonsky mit einem vorzüglich agierenden und sagenhaft schön aufgenommenen Royal Philharmonic Orchestra heraus, dass auch in diesem Überfluss der Emotionen die dunklen Tiefen lauern und dass es sich bei Rachmaninoffs Zweiter um ein zutiefst ambivalentes Werk handelt.

Es ist dies die beste Darbietung dieses Stücks, die ich je gehört habe — und damit hätte ich wirklich nicht gerechnet!

P E R F E K T!

 

S. Rachmaninoff – Sinfonie Nr. 2 / Vocalise
Royal Philharmonic, D. Yablonsky

Katalog-Nr.: RPO SP 031 / EAN: 5070000026756

RPO (Royal Philharmonic Orchestra) (2011)
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Veröffentlicht inThe-Listener

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