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Royal Concertgebouw Orchestra, Daniele Gatti: Igor Stravinsky – Le Sacre du Printemps

Als am 29. Mai 1913 im neu erbauten Théâtre des Champs-Élysées in Paris das Ballett „Le Sacre du Printemps“ mit der Musik Igor Strawinkys uraufgeführt wurde, kam es zum (zumindest teilweise kalkulierten) berühmtesten Theaterskandal der Musikgeschichte. Das Gelächter, die Tumulte, die stürmische Entrüstung und jede Menge Pfiffe der Pariser Premiere konnten aber nicht dauerhaft verdecken, dass es sich um nichts weniger als den „Urknall der Musik des 20. Jahrhunderts“ handelte. Strawinskys Musik (und übrigens auch Nijinskys Choreografie) brach radikal mit den romantischen Vorstellungen des Publikums und läutete eine neue Ära ein.

Das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester (RCO) war bereits sehr früh einer der Protagonisten der neuen, modernen Musik. Seit 1924, als Pierre Monteux, der Dirigent der Pariser Uraufführung, das Werk zum ersten Mal in Amsterdam dirigierte, hat das Orchester „Le Sacre“ 118 Mal gespielt, 1926 sogar zweimal unter der Leitung des Komponisten selbst. Seit Eduard van Beinum hat jeder Chefdirigent des RCO Strawinskys Meilenstein aufgeführt. Daniele Gatti, der seit Beginn der Saison 2016/2017 der „Neue“ auf dem Posten ist, setzte diese Tradition bei drei Konzerten im Januar 2017 fort. Die Mitschnitte dieser Auftritte bilden auch das Material für die zweite Vinyl-Veröffentlichung aus dem Hause RCO Live (das Debüt war Berlioz’ „Symphonie fantastique“ im Oktober 2016).

Es ist faszinierend mit anzuhören, wie sehr Gatti bereits nach wenigen Monaten dem niederländischen Spitzenorchester seinen Stempel aufgedrückt hat. Schlank, wendig, mit atemberaubender Präzision (gerade in den teuflisch schwierigen, schnellen Passagen), explosiv und doch kontrolliert, selbst in den Tutti mit unerhörter Transparenz führt Gatti durch das barbarische Frühlingsopfer mit einer überwältigten Stringenz, der man sich als Hörer nicht entziehen kann. Das Crescendo im Finale ist schier atemberaubend.

Strawinskys Musik ist wahrlich kein Pappenstil, weder für das Orchester noch für die Aufnahmetechnik. Die Dynamikschwankungen im Stück sind extrem und ich muss zugeben, dass ich ziemlich skeptisch war, ob eine analoge Langspielplatte (man verzeih mir diese alte Bezeichnung) klanglich mit meinen digitalen Aufnahmen auf CD und SACD mithalten kann. Um es kurz zu machen: Sie kann, denn bei der Umsetzung auf Vinyl wurde ganz offensichtlich auf ein sorgsames Mastering geachtet. Zudem kommt die LP als 180gr. Qualitätspressung, samt gepolsterter Innentasche und einem wundervollen, viersprachigen Booklet im LP-Format. Wer den warmen Analogklang liebt, wer das haptische Erlebnis Vinyl schätzt und wer auf der Suche nach einer erstklassigen Aufnahme des „Sacre“ ist, der kommt – trotz namhafter Konkurrenz – an dieser Veröffentlichung nicht so leicht vorbei.

Den Mitschnitt gibt es auch in einer erweiterten Ausgabe als DVD und Blu-ray. Die digitalen Tonträger enthalten zusätzlich noch Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ und „La mer“, die an den drei Abenden ebenfalls auf dem Konzertprogramm standen. Die Blu-ray enthält die Audiospuren auch im „Auro-3D“-Format, dem Audioformat der nächsten Generation.

Auf naxos.de findet man verschiedene empfehlenswerte digitale und physikalische Bezugsquellen.

Veröffentlicht inAlben vorgestellt

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