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8.5727791 300x297 Mieczysław Weinberg   Sinfonie Nr. 6 / Rhapsodie über moldawische ThemenGroße russische Sinfonik in einer Spitzeneinspielung, die Ihresgleichen sucht

Eins kann ich schon mal ganz zu Beginn der Rezension verraten: Hier geht es um die längst fällige Aufnahme einer großen Sinfonie, und diese Besprechung wird nicht ohne viele Verweise auf andere Rezensionen von www.the-listener.de auskommen. Warum das so ist? Weil sowohl der Komponist, um den es hier geht, als auch sein Werk, als auch die hier zu hörenden Interpreten in Deutschland immer noch relativ unbekannt sind. Angesichts der Großartigkeit der auf der nun neu vorliegenden Naxos-CD nachzuhörenden Musik, möchte ich einmal wieder die Gelegenheit nutzen, um eine Lanze für die Musik Mieczysław Weinbergs zu brechen.

Dieser war einerseits unverkennbar ein Schostakowitsch-Epigone, den der Meister aus St. Petersburg selbst hoch geschätzt hat (die hier vorliegende sechste Sinfonie Weinbergs gehörte zu Schostakowitschs Unterrichtsmaterialien, die er im Rahmen seines Kompositionsunterrichts verwendete). Andererseits war Weinberg ein Musikschöpfer, der sein Werk stärker noch als sein prominenter Komponistenkollege aus der Spätromantik heraus definierte. Das bedeutet aber nicht, dass Weinbergs Musik irgendwie anachronistisch wäre (genau so wenig, wie man das über die Musik von Jean Sibelius etwa sagen könnte). Weinberg besaß einfach einen eigenen, unverkennbaren Personalstil.

Die Labels Neos und Chandos haben in der jüngeren Vergangenheit beide versucht, Gesamteinspielungen der immerhin 22 Sinfonien Weinbergs zu realisieren, sind jedoch bislang beide noch in der Anlaufphase „stecken geblieben“. Auch dies zeigt, dass das Œuvre des in Polen geborenen und später in die UdSSR übersiedelten Komponisten zwar von Kritikern und Liebhabern hoch geschätzt wird, bislang aber in der Publikumsgunst nicht ganz so weit vorne lag.

In den letzten Jahren hat auch das Naxos-Label und dessen Sublabels immer wieder mit schönen Weinberg-Einspielungen geglänzt und so dafür gesorgt, dass das großartige Werk des Russen nicht ganz in Vergessenheit gerät. Beispiele für einige Einspielungen, die wir auf www.the-listener.de auch besprochen haben, finden sich zum Beispiel hier und hier.

Nun also die sechste Sinfonie auf Naxos. Was für ein herrliches, großes Werk! Jeder, der die großen Sinfonien Schostakowitschs und Mjaskowskijs zu schätzen weiß, sollte dieser CD einen ausgedehnten Testlauf geben, denn diese sechste Sinfonie ist ein herrliches Beispiel dafür, wie selbst unter den Kulturrepressalien der Sowjets eine eigenständige, große Kunst möglich war. Die Voraussetzung dafür war allerdings, dass der Schöpfer dieser Kunst sein Handwerk verstand, und das tat Mieczysław Weinberg fraglos.
Allein der langsame, düstere Eröffnungssatz sollte schon reichen, um anspruchsvolle Hörer aufhorchen zu lassen. Doch die dann folgende, von hohem individuellen Einfallsreichtum zeugende, asymmetrische Aufeinanderfolge von Sätzen mit Knabenchor und rein orchestralen Sätzen ist wirklich und wahrhaftig ganz großes Kino!
Zumindest vom Unterhaltungswert her steht diese große, knapp fünfzigminütige Sinfonie-Komposition keiner Schostakowitsch-Sinfonie etwas nach. Auch in Sachen Anspruch ist das Stück sowohl musikalisch als auch inhaltlich ein großer Wurf. Weinberg hatte sich bei seiner sechsten Sinfonie von Schostakowitschs dreizehnter Sinfonie („Babi Jar“) inspirieren lassen und sich für seine Sechste ebenfalls eine jüdische Thematik ausgesucht.

In Anbetracht der hervorragenden Interpretation die das Werk auf dieser CD-Novität erfährt sowie des sehr sehr guten Aufnahmeklangs der Veröffentlichung, kann man das Loblied auf diese neue Naxos-Einspielung nur weiterführen. Schon lange „werbe“ ich hier ja aktiv für die (in Deutschland leider nur per Import erhältlichen) CDs des St. Petersburger Sinfonieorchesters unter der Leitung von Vladimir Lande (…). Nun ist also auch Naxos auf die hier zu hörende Traumkombination aufmerksam geworden. Das St. Petersburger Sinfonieorchester – einst unter der Leitung Mariss Jansons‘ mit einem hervorragenden Schostakowitsch-Zyklus auf EMI in aller Munde – fühlt sich unter dem Dirigat Vladimir Landes hörbar pudelwohl. Das haben bereits die sehr guten Veröffentlichungen der jüngeren Vergangenheit gezeigt, die diese Musikerpartnerschaft hervorgebracht hat.

Doch mit dieser Neueinspielung der sechsten Sinfonie wurde ein neuer Höhepunkt erreicht. Besser kann ich es mir fast nicht vorstellen. Dieses „fast“ bezieht sich lediglich auf die gelegentlich „kieksenden“ Knabenstimmen des Chors der Glinka-Schule, der ja hier immerhin in drei Sätzen zum Einsatz kommt. Aber alles andere ist wirklich vorbildlich.

Das gilt auch für den Klang, für den Dirk Fischer und Alexei Barashkin verantwortlich zeichnen. Letztgenannter hatte bereits für die CDs des Orchesters auf dem kanadischen Marquis-Label eine sehr ansprechende Sound-Gestaltung erarbeitet. Mit der Unterstützung durch den zweiten Tonmeister ist daraus nun ein ganz hervorragender, dem HiFi-Bereich naher Aufnahmeklang entstanden, den man nur loben und eigentlich höchstens in Sachen fehlender Bass-“wucht“ gering kritisieren kann.

Fazit: G R O S S A R T I G ! ! ! Vielleicht bekommt es ja Naxos hin, das sinfonische Gesamtwerk Weinbergs vorzulegen. Falls das geplant ist, würde man sich wünschen, dass alle Einspielungen mit dem hier versammelten Dreamteam realisiert würden.

8.572779 150x150 Mieczysław Weinberg   Sinfonie Nr. 6 / Rhapsodie über moldawische ThemenM. Weinberg – Sinfonie Nr. 6
St. Petersburg Symphony Orchestra – V. Lande

(2012) Naxos Katalog-Nr.: 8.572779 / EAN: 747313277971

 

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8.570985 300x297 Igor Strawinsky — Suite italienne, Divertimento, Duo ConcertantDas Duo Huebl und Wait: Letztes Jahr Referenzklasse, heute leider nur moderat

Einst war es ein Hauptanliegen der Firma Naxos, Repertoireredundanzen im labeleigenen Programm möglichst zu vermeiden. „Konkurrenz aus dem eigenen Haus“ sollte es für Naxos-CDs nicht geben. In den letzten Jahren ist man von dieser Labelpolitik immer mehr abgerückt, pflegt nun – zumindest teilweise – wie andere Labels auch einen Starkult. Vorliegende Neuerscheinung überrascht mich persönlich dann aber doch.

Erst im letzten Jahr erschien eine CD in der grandiosen „Robert Craft Edition“ unter dem Titel „Duo Concertant“, seinerzeit in einer fantastischen Aufnahme dargeboten von Jennifer Frautschi und Jeremy Denk. Diese Aufnahme war für mein Empfinden nichts weniger als eine Referenzedition, die immer noch die Speerspitze dessen markiert, was man aus Strawinskys wunderschönem Duo machen kann.

Nun also erscheint das Duo Concertant noch einmal auf Naxos, diesmal im Rahmen einer CD, die alle Werke für Geige und Klavier auf sich vereint, die Strawinsky geschrieben hat. Die Interpreten dieser aus den genannten Gründen ungewöhnlichen Naxos-Novität ließen ebenfalls große Taten erwarten, handelt es sich doch um niemand Geringeres als Carolyn Huebl und Mark Wait, die im letzten Jahr eine geradezu atemberaubende Gesamteinspielung der Schnittke-Violinsonaten eingespielt hatten, die mit zum Besten gehörte, was im letzten Jahr auf CD überhaupt veröffentlicht wurde.

Leider hinterlässt die nun erschienene Strawinsky-CD des professoralen Duos von der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee einen etwas weniger guten Eindruck. Die letztjährige Schnittke-Gesamteinspielung hingegen entsprach Referenzniveau.

Die Gründe für diese Einschätzung sind divers. Beginnen wir ruhig einmal mit dem Duo concertant und vergleichen es mit der bereits oben erwähnten Einspielung von Frautschi und Denk: Während diese beiden aus dem Duo einen wirklich atemberaubenden Wirbelwind kreieren, der alles, was sich zufällig gerade vor den HiFi-Boxen aufhält tüchtig durchpfeift und einen mit geradezu nervenzerfetzender musikalischer Spannung an den Hörplatz zu fesseln versteht, ist die Lesart von Huebl und Wait weit weniger dramatisch, grenzt geradezu ans Emotionslose. Strawinsky wird von den beiden ganz ähnlich musiziert, wie Neue Musik: Betont sachlich, metronomgenau und eher klinisch.
Das, was bei Schnittkes Musik genau das Richtige war, wird hier bei Strawinskys Werken der Einspielung eher zum Verhängnis.
Ähnliches gilt übrigens auch für die „Suite italienne“ (einer Duo-Fassung des zauberhaften Balletts „Pulcinella“ für Klavier und Geige) sowie des „Divertimentos“ (der Duoversion des Balletts „Der Kuss der Fee“). Auch diese an sich fabelhaften Stücke, die von ihrer Anlage her neoromantisch bzw. sogar neobarock konzipiert sind, werden von Huebl und Wait mehr seziert als musiziert. Dabei werden übrigens vor allem im Rahmen der „Suite italienne“ überraschende spieltechnische Schwächen bei der Geigenpartie hörbar (während Mark Wait im Übrigen wie immer famos Piano spielt). Das kann ich mir nun gar nicht erklären, denn die letztes Jahr erschienene Schnittke-Aufnahme zeichnete sich vor allem durch eine durch und durch makellose Geigenperformance aus. Carolyn Huebl schaffte es damals, diese halsbrecherisch schweren Schnittke-Sonaten nicht nur zu bewältigen, sondern selbstbewusst zu dominieren. Es ist daher nun schon erstaunlich, dass die hier erklingenden Stücke, die Strawinsky zusammen mit dem Violinsolisten Samuel Dushkin arrangierte, der selbst nicht als soooooo herausragender Virtuose bekannt war, Carolyn Huebl nun an Grenzen bringen, die man weiter abgesteckt vermutet hatte.

Auch der Sound der Aufnahme kann mit der hervorragenden letztjährigen Schnittke-Produktion leider nicht mithalten. Während die Schnittke-CD zwar etwas sehr trocken geklungen hatte, ansonsten aber auch höchste HiFi-Ansprüche zu erfüllen vermochte, ist der Sound der nun neu erscheinenden Strawinsky-CD ebenfalls eher im Bereich der audiophilen Mittelklasse angelegt. Soll heißen: An dem Sound dieser CD wird sich niemand groß stören können, aber herausragend klingt das Ganze auch nicht. Irgendwie etwas „satt“ und matt kommt der Sound aus den Boxen. Erstaunlich schwer lastet eine Deckelung der Höhen auf dem Gesamtklang und lässt vielleicht auch dadurch die hier zu hörenden Aufnahmen nur wenig spritzig erscheinen. Dabei hätte gerade diese Duo-Aufnahme Transparenz und hoch auflösende Durchzeichnung nötig gehabt.

Fazit: Recht gut, aber nicht gut genug. Der große Vorteil dieser CD ist, dass man sämtliche Werke für Geige-Klavier-Duobesetzung aus der Feder Igor Strawinskys kompakt auf einer CD erhält. Das gibt es meines Wissens so nur auf dieser Veröffentlichung. Doch die sonst so guten Interpreten (Mark Wait wurde in der Vergangenheit zum Beispiel bereits mehrfach für den Grammy Award nominiert) können die in sie gesteckten hohen Erwartungen diesmal leider nicht in vollem Umfang erfüllen. Hoffentlich war dies also nur eine Ausnahme von der Regel, sodass wir bald wieder Referenzaufnahmen von Carolyn Huebl und Mark Wait bejubeln dürfen.

8.5709851 150x150 Igor Strawinsky — Suite italienne, Divertimento, Duo ConcertantI. Strawinsky – Werke für Violine und Piano
Carolyn Huebl & Mark Wait

(2012)  Naxos Katalog-Nr.: 8.570985 / EAN: 747313098576

 

 

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