Weniger karibisch als vielmehr Pop-/Musical-beeinflusst
Mit Komponisten aus Puerto Rico hat man es nicht alle Tage zu tun, doch Ernesto Cordero ist einer der wenigen „Klassik“-Tonschöpfer aus dem karibischen Inselstaat, der mit seiner Musik nicht nur international bekannt geworden ist, sondern vielmehr zu Weltruhm gelangte. Naxos widmet Cordero unter dem Titel „Caribbean Concertos“ nun eine ganze CD. Enthalten sind Konzerte für Gitarre und Geige aus den Jahren 1998 bis 2009 — für Klassik-Maßstäbe also sehr junge Werke.
Mit Pepe Romero konnte für das die CD eröffnende „Concerto Festivo“ aus dem Jahr 2003 der sicherlich weltweit prominenteste Gitarrist überhaupt gewonnen werden. Mit der Begleitung des nicht minder prominenten Kammerorchesters „I Solisti di Zagreb“ konnte man also schon allein aus Gründen der Besetzung einiges erwarten.
Vielleicht vorab aber ein paar „Takte“ zur Musik: Corderos „Concierto Festivo“ ist Musik, die sich in Sachen Orchester stark an die Musik des Brasilianers Heitor Villa-Lobos anlehnt ohne jedoch jüngere Musikströmungen wie Minimalism und neue Tonalität zu ignorieren. Und so erinnert der Orchestersatz gelegentlich auch an einen Komponisten wie Takashi Yoshimatsu, der als bekennender Pink Floyd-Fan immer wieder typische Harmonien aus der Pop- und Rockmusik in seine Werke einfließen lässt. Ganz ähnlich scheint mir das auch bei Ernesto Cordero zu sein. Cordero selbst weist im Booklet-Text zur CD zwar auf die karibischen Reverenzen hin, die in seinen Stücken angeblich zu hören seien, doch diese spielen für mein Empfinden im Vergleich zu den deutlicher wahrnehmbaren Pop-/Rockmusik-Anleihen eindeutig nur die „zweite Geige“.
Bereits beim Gitarrenkonzert fällt auf, dass die Ausführenden ihrem guten Ruf auf dieser CD nicht immer gerecht werden: Während Pepe Romero geradezu weltmeisterliche Gitarrenkünste offeriert und sich so sehr für diese Musik einsetzt, als wäre sie die Krone der musikalischen Schöpfungsgeschichte, wirkt das prominente Orchester aus Zagreb (sonst ja eher auf EMI oder RCA Classics zuhause) erstaunlich lustlos und (noch erstaunlicher) zuweilen auch arg bemüht.
Dieser Eindruck „bessert“ sich etwas bei den folgenden Stücken „Ínsula – Suite Concertante“ (2009) und „Concertino Tropical“ (1998). Sie sind für Violine und Streichorchester gesetzt und schlagen einen etwas anderen Ton an, als das Gitarrenkonzert. „Ínsula“ wirkt noch etwas populärer und leiht sich in meinen Ohren manche Idee auch aus dem Musical-Sektor aus. Ebenso verhält es sich mit dem „Concertino Tropical“. Und so muss man konstatieren, dass beide Stücke für Violine und Orchester auf dieser CD zum Teil den musikalischen Toleranzbereich jedes Einzelnen schon etwas auf die Probe stellen: Manche werden denken, dass dies „endlich mal“ Musik ist, die heute stattfindet und die man auch verstehen und ohne gleich Musik studiert haben zu müssen mit Genuss hören kann, andere werden sicher hier und da die Nase rümpfen und die „Süßlichkeit“ der Stücke bemängeln. Ich muss zugeben, dass ich eher zu Letzterem tendiere — Corderos völlig ecken- und kantenloser Stil ist mir manchmal doch etwas zu belanglos. Das ist Musik für Leute, die eher „Klassikradio“ hören als „WDR3“. Dessen sollte man sich bewusst sein, bevor man sich für den Kauf dieser CD entscheidet. Dies zumal, weil eben auch die Leistungen der Ausführenden nicht zu 100% überzeugen können.
Der Klang der Aufnahme ist an sich gut, wirkt jedoch merkwürdigerweise zu trocken und zu hallig zugleich. Das liegt vor allem an einem recht deutlichen Dynamikdefizit der Aufnahme. Das Programm (und das liegt nicht zuletzt an den Kompositionen selbst) bewegt sich auf einem vergleichsweise kontrastarmen Dynamikniveau. Bei dem Gitarrenkonzert fällt das weniger ins Gewicht als bei den Violinkonzerten. Die Streicher des Orchesters sind sehr mittenzentriert eingefangen worden, ohne jedoch die Mitten künstlich zu betonen. Es fehlen einfach Höhen und Bässe — und schon klingt alles komisch matt und trocken. Etwa bei Minute 2:09 des ersten Satzes vom „Concierto Festivo“ verzerrt die Gitarrenaufnahme; auch das sollte bei einer professionellen Aufnahme nicht vorkommen. Und dem Orchester hat man dann (vermutlich, weil dem Dynamikdefizit anders nicht beizukommen war) ein „zu Viel“ an Raumhall verpasst. Alles miteinander ergibt eine weing überzeugende, eher künstlich wirkende Klangkulisse.
Allerdings sind akustische Auflösung und Präsenz der Einzelinstrumene vorzüglich eingefangen worden. Das muss man als Stärke der Aufnahme auch betonen.
Fazit: Kompositionen, Darbietungen und Aufnahme — alles nicht eben schlecht, aber auch nicht so richtig super. Alles in allem ist das schon eine ziemlich gute CD, jedoch mit Abstrichen. Am meisten Geschmackssache bleibt aber sich die Musik. Das „Concierto Festivo“ ist wohl die empfehlenswerteste Komposition im Programm dieser Naxos-Novität. Alles andere spielt im direkten Vergleich tatsächlich in einer anderen Liga, und zwar nicht in einer besseren.
E. Cordero – Caribbean Concertos
I Solisti di Zagreb; P. Romero (Gitarre), G. Figueroa (Geige)
Musik komponierender Nachkommen in die USA ausgewanderter Europäer
Eine ganz spannende neue Kammermusik-CD ist im Dezember bei Naxos erschienen. Enthalten sind Stücke US-amerikanischer oder in die USA ausgewanderter Komponisten. Besonders neugierig war ich auf das praktisch brandneue Stück „Rodeo Queen of Heaven“ von Libby Larsen (wie immer, wenn es mal etwas Neues von dieser kompositorischen Ausnahmebegabung zu hören gibt). Jedem, der Libby Larsens Musik noch nicht kennt, ist dringend zu empfehlen, die Bekanntschaft damit schleunigst nachzuholen, denn zumindest für mein Empfinden, gehört die Komponistin aus den USA schon seit den 1980er-Jahren zu den wenigen wirklich vollauf überzeugenden Musikschöpfern der Gegenwart (…).
Doch bevor ich hier allzusehr ins Schwärmen gerate, sollte noch erwähnt werden, dass auf dieser CD auch Stücke des in die USA ausgewanderten Niederländers Pieter Lieuwen, des US-Komponisten Peter Schickele (Sohn von elsässischen Emigranten) und von Aaron Copland, der Legende der jüngeren amerikanischen Musikmoderne, enthalten sind.
Ausführende der ganzen Veranstaltung, die unter dem hübschen Namen „Gulfstream“ zusammengefasst ist, ist das japanisch-amerikanische Ensemble enhakē, das zu den derzeit hoch gehandelten Nachwuchsensembles zählt und in den USA schon vor ausverkauften Rängen spielt.
Alles in allem also ein vielversprechendes Menü, das uns Naxos da im Rahmen seiner „American Classics“-Reihe serviert.
Ein Wort noch zum Programm: Für die hier enthaltene Musik hätte der übergreifende Name „Gulfstream“ kaum besser gewählt werden können. Wir haben es hier mit Musik zu tun, die von wild und ungestüm, über kontemplativ-ruhig bis hin zu dynamisch-fließend viele Attribute beinhaltet, die man auch mit dem Gedanken an den Golfstrom assoziieren kann. Den Golfstrom darf man sich zudem als verbindendes Band zwischen Amerika und Europa denken, was auch auf die hier vorliegende CD zutrifft: Larsens Eltern waren ausgewanderte Norweger, Lieuwen stammt aus den Niederlanden, Schickeles Eltern kamen aus dem Elsass und Coplands Eltern waren litauische Emigranten. Auf diese Weise haben alle hier versammelten Komponisten die Musikkultur Europas nach Amerika gebracht, wo eine Entwicklung und „Umdeutung“ stattfinden konnte. Anhand von CDs, wie der hier vorliegenden, kann die so „amerikanisierte“ Musik nun wieder zurück nach Europa „fließen“, um Hörer zu erfreuen und europäische Musiker zu inspirieren.
„Rodeo Queen of Heaven“ von Libby Larsen ist 2010 von enhakē uraufgeführt worden und ist dem Ensemble zudem gewidmet. Es entstand als „musikalische Reflexion“ auf eine Skulptur des Künstlers Arthur Lopez, welche eine Gottesmutter im Wildwestdress zeigt. Libby Larsen übersetzte diese originelle Idee in Musik. Das Ergebnis: Versatzstücke mittelalterlicher Marienmessgesänge werden im „Wildwestsound“ á la Coplands „El Salón México“ wiedergegeben. Die Idee ist witzig und logisch, überzeugt aber leider nicht so sehr, wie die sonst von Larsen gewohnten, naturmystizistisch angehauchten Klänge. Das Stück „Gulfstream“, das 2007 von Pieter Lieuwen geschrieben wurde und der vorliegenden CD ihren Titel gab, ist leider das schwächste im gesamten Programm: Das ziemlich uninspiriert und nach „Schema F“ der Musikmoderne komponierte Stück, das sich nicht zwischen Tonalität und Atonalität entscheiden kann, ist einfach nichts Besonderes. Eigentlich ist Musik wie diese die typische „premiere-only“-Klasse: Einmal beauftragt, einmal gespielt, nie wieder hervorgeholt. Doch diese CD sorgt dafür, dass das Stück nun in Tausenden von Wohnzimmern für elf Minuten Langeweile sorgen wird. Spannender ist da schon Peter Schickeles „Quartett für Klarinette, Geige, Cello und Klavier“. Es war ein kluger Schachzug Schickeles, ein Stück in derselben, extrem selten zu hörenden, Quartettbesetzung zu komponieren, wie Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“. Das garantiert „Aufführungsquoten“, denn Messiaens Stück ist bekanntermaßen etwa einstündig angelegt und somit nicht gerade abendfüllend. Eine „Ergänzung“ kommt da gerade recht. Schickele kann sich kompositorisch zwar keinesfalls mit Messiaen messen lassen, jedoch ist seine melancholisch-melodiöse, ruhig-gelassene Musik eine sehr angenehme Sache – auch wenn man sich das Wort „Anachronismus“ nicht verkneifen kann. Das 1982 komponierte Stück ist aber sicher auch im Umfeld der seinerzeit erstarkenden Minimalisten Steve Reich und Philip Glass zu sehen, und in den Kontext passt es auch sehr gut.
Abschließend folgt mit dem „Sextett“ von Aaron Copland eine Überraschung, handelt es sich dabei doch „nur“ um eine Übertragung der „Short Symphony“ dieses Komponisten auf eine Kammermusikbesetzung. Das ist zwar eine hübsche Sache, reißt einen aber auch nicht wirklich vom Hocker.
Das Programm hat also Höhen und Tiefen. enhakē jedoch holen aus jedem Stück alles raus und rollen jedem einzelnen Komponisten auf der CD den roten Teppich aus. Das sind allesamt wirklich erstklassige Aufführungen!
Leider kann der Sound das hohe Niveau der Darbietungen nicht mithalten: Er lässt vielmehr so etwas wie Räumlichkeit komplett vermissen. Alle Instrumente wirken äußerst „nah“ aufgezeichnet und wie erst im Nachhinein zusammengemischt. Das Ergebnis ist eine sehr künstlich wirkende Klangumgebung, die im realen Leben einfach so nicht existiert, sondern nur auf Tonträger entstehen kann. Durch Kopfhörer mag man das gut ertragen können, doch im Hörraum ist die vorliegende CD eine sehr künstlich wirkende Hörerfahrung, die meilenweit von den besten Naxos-Einspielungen entfernt ist, obwohl kritische Punkte, wie akustische Auflösung und Natürlichkeit der Instrumente gar nicht mal so schlecht gelöst sind. Die fehlende Räumlichkeit macht aber alles kaputt.
Fazit: Eine interessante Kammermusik-CD mit kleinen Schwächen und einem wenig überzeugenden Sound, jedoch mit großartigen Interpreten. Hier krankt es am Programm und am Tonmeister. Bei der nächsten enhakē-CD (Naxos kündigt uns im Booklet weitere Veröffentlichungen dieses tollen Ensembles an), müsste darauf geachtet werden, dass die beiden o. g. Schwachstellen schon im Ansatz korrigiert werden. Dann freuen wir uns auf weitere CDs der vier jungen Musiker, die sicherlich noch für viel Furore sorgen werden.
Ich falle gleich mal mit der Tür ins Haus: Wenn es eine CD-Neuerscheinung im Dezember verdient hat, möglichst noch zum diesjährigen Weihnachtsfest wie verrückt gekauft und verschenkt zu werden, dann ist es die hier vorgestellte.
Die vorliegende Novität aus dem Hause Naxos vereint einfach sehr viele Tugenden in sich, die es mir praktisch unmöglich machen, diese CD nicht wärmstens zu empfehlen.
Beginnen wir beim Programm: Diese neue Naxos-CD mit dem etwas schmucklosen Titel „Französische Musik für Klarinette und Klavier“ beinhaltet einige Stücke großer französischer Meister der Spätromantik und der klassischen Moderne, die sonst fast nie zur Aufführung oder zur Aufnahme kommen. Dabei ist hier ein Stück reizvoller als das andere: Die CD beginnt mit einer ganz wunderbaren Sonate für Klarinette und Klavier in Es-Dur von Camille Saint-Saëns, für die ich gern sämtliche Orgelsinfonien und Tierkarnevaldarbietungen eintausche, die man sonst so im Zusammenhang mit diesem Komponisten gewissermaßen standardmäßig zu hören bekommt. Nicht nur diese ganz wunderbare, sanfte und zugleich verspielte Sonate ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie schlimm es eigentlich ist, dass wir unsere Aufmerksamkeit sehr eingleisig immer nur auf die „Publikumsrenner“ richten. Es gibt so viel schöne Musik auf dieser CD buchstäblich zu entdecken, dass man aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskommt. Gleichwohl sind das „Duo Concertant“, Op. 351 und die „Caprice“, Op. 335a von Darius Milhaud Werke, die durchaus zum erweiterten Standardrepertoire für Klarinette und Klavier gezählt werden können. Milhaud, der für die Klarinette erkennbar eine Vorliebe hatte, konnte in den beiden frischen, unverbraucht klingenden Stücken viel von der Unbekümmertheit eingefangen, wegen der man seine Musik allerorten wertschätzt. Beide Stücke stammen aus seiner mittleren Schaffensperiode, was auch für „Première rapsodie“ und „Petite pièce“ im Werkkatalog von Claude Debussy gilt. Sie stehen als nächtes auf der playlist und bieten mit ihren sphärisch-düsteren Klanglandschaften einen deutlichen Gegenpol zu den munteren Milhaud-Kompositionen.
Nun aber beginnen erst die wirklichen Highlights dieser CD. Das erste davon ist die Sonatine für Klarinette und Klavier des frankophonen schweizerischen Komponisten und bedeutenden Sinfonikers Arthur Honegger. Sie entpuppt sich als erstaunlich expressives Stück, das ganz im Gegensatz zum sonst viel deutlicher vom Nachhall der Spätromantik geprägten Stil Honeggers, immer mal wieder recht wagemutig an der Grenze zur freien Atonalität entlangbalanciert. Das überwiegend melancholisch und teilweise geradezu resigniert klingende Stück ist in meinen Augen der Höhepunkt dieser CD, die aber ein so ausgewogen gutes Programm aufweist, dass es einem wahrhaft schwerfällt, die Rosinen aus dem Kuchen picken zu wollen.
Mit der „Arabesque“ aus der Feder der Komponistin Germaine Tailleferre folgt ein am „Salon-Stil“ der Pariser Moderne orientiertes, gewissermaßen tragikomisches Programm-Intermezzo, das die Stimmung nach der dichten Honegger-Sonatine wieder etwas auflockert. Es ist auch eine wunderbare Vorbereitung auf die nachfolgende Sonate für Klarinette und Klavier von Francis Poulenc. Damit hätten wir auch die berühmte Gruppe „Les Six“ auf dieser CD (beinahe) vollzählig versammelt: Milhaud, Honegger, Tailleferre, Poulenc — es „fehlen“ nur noch Louis Durey und George Auric. Die Poulenc-Sonate darf man ruhigen Gewissens als ein sehr typisches Stück für diesen von der Nachwelt zu schnell und zu sehr vergessenen Meister bezeichnen, denn sie galoppiert mal fetzig broadway-mäßig nach vorne los, lässt dann wieder eine typisch französisch chansonartige Passage einfließen, beeindruckt durchwegs durch das untrügliche Melodiegespür ihres Schöpfers und atmet diesen leicht und „mozartisch“ wirkenden Charme aus, der Francis Poulencs Musik so erfreulich häufig auszeichnet.
Die CD ist ausgezeichnet eingespielt. Mit Ermanno Veglianti konnte ein sehr versierter Klarinettist gewonnen werden, der vielleicht nicht zur allerobersten Weltspitze zählt, aber eine starke künstlerische Persönlichkeit hat, die sich vordergründig in einem praktisch makellosen Vortrag abzeichnet, aber auch viel Emotion enthält, die dadurch eben auch die hintergründigen, teilweise auch abgründigen Stimmungen dieser durchwegs herrlichen Musik zu vermitteln vermag. In Enrico Maria Polimanti konnte ein kongenialer Duettpartner für Veglianti gefunden werden. Polimanti zeichnet sich auf dieser Aufnahme durch einen dezent zurückgenommenen Anschlag „mit Samtpfote“ aus, der nur zu gut zu der hier zu hörenden, betont emotionalen Musik passt. Zusammen haben sie nur einen Makel, nämlich den, dass an manchen, wenigen Stellen das rhythmische Zusammenspiel besser sein könnte. Doch beide Musiker sind eben keine Rhythmiker, sondern lassen die Musik der hier versammelten französischen Komponistenelite in ihrer ganzen schwelgerischen Großartigkeit erklingen. Die winzigen rhythmischen Unzulänglichkeiten, die es hier und da gibt, stören da nicht wirklich.
Um den positiven Gesamteindruck abzurunden, kann man auch von der „Klangfront“ nur Gutes vermelden: Es handelt sich hier um Live-Mitschnitte von Radio Vatikan. Sie beweisen, dass am heiligen Stuhl auch versierte Tonmeister ihren Platz haben, denn diese CD klingt wirklich gut. Sie ist vielleicht nicht oberste Hifi-Spitzenklasse, aber ich traue mich ohne mit der Wimper zu zucken, sie in die klangliche Oberliga einzustufen, die ganz sicher niemanden, der sich für die hier enthaltene Musik interessiert, enttäuschen wird.
Fazit: Ab damit auf den Wunschzettel!
Französische Musik für Klarinette und Klavier
E. Veglianti & E. M. Polimanti
Kurz vor Weihnachten erscheint auf dem finnischen Label „Ondine“ eine hochkarätig gehandelte CD-Novität, die sicher ihre Liebhaber und „Verschenker“ finden wird. Es handelt sich dabei um die Violinkonzerte Mendelssohn Bartholdys und Schumanns, die in Live-Darbietungen des Frankfurter Radiosinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks eingefangen wurden, unter der Leitung des von der Kritik in den letzten Jahren mit geradezu überschwenglichem Lob bedachten Paavo Järvi – Sohn des estnischen Ausnahmedirigenten Neeme Järvi. Solist der vorliegenden Aufnahme ist Christian Tetzlaff, der nicht nur, aber gerade auch im laufenden Jahr ein paar geradezu sensationelle Einspielungen vorgelegt hat (…).
Paavo Järvi hingegen wurde in den letzten Jahren für seine Einspielungen mit der Deutschen Kammerphilharmonie aus Bremen (darunter eine viel beachtete neue Beethoven-Sinfonien-Gesamteinspielung, die Vielen als die neue Referenz gilt) mit Jubel geradezu überschüttet. Die hier vorgelegte Novität ist im Übrigen auch deswegen interessant, weil RCA classics gewissermaßen zeitgleich zu der hier besprochenen Aufnahme eine Neueinspielung von Schumanns Frühlings- und Rheinischer Sinfonie mit Järvi und seinen Bremern vorlegt.
Wie also schlägt sich das hier versammelte All-Star-Ensemble in diesen neuen Liveaufnahmen? Die kurze Version lautet: Mal so, mal so…
Schreiten wir also zur etwas längeren Fassung der Geschichte: Selten habe ich eine überzeugendere und sensiblere Deutung von Mendelssohn Bartholdys vom Publikum heiß geliebten Violinkonzert Op. 64 gehört, als die hier von Ondine neu herausgebrachte. Selbst absolute Referenzeinspielungen wie etwa die 1988er DECCA-Aufnahme von Joshua Bell mit der Academy of St. Martin-in-the-Fields unter Neville Marriner sehen da stellenweise ganz schön „alt“ aus. Das Verdienst liegt dabei allem voran bei Christian Tetzlaff, der eine geradezu unglaubliche Dynamik besitzt und vor allem bei den pianissimo-Passagen einen so herzergreifenden Ton an den Tag legt, dass man sich vor der heimischen Anlage niederknieen möchte. Auch die Frankfurter unter dem jungen Järvi machen ihre Sache beim Mendelssohn-Konzert mehr als gut, schaffen es gar, einen ähnlich hohen Grad von Sensibilität und schwungvoller Spielkultur an den Tag zu legen, wie der ausführende Solist.
Das nachfolgende Schumann-Konzert ist – erstaunlicherweise – eine ganz andere Angelegenheit: Immer wieder spielen Tetzlaff und die Frankfurter nur nebeneinander her, statt miteinander im Dialog zu stehen. Rhythmische Unsicherheiten beim Einsatz der Solopartien lassen mich vermuten, dass das Problem hierbei eher auf Seiten Tetzlaffs zu suchen ist. Diese Vermutung wird zusätzlich durch einen fiesen Geigen-“Kiekser“ bei Minute 1:31 des zweiten Satzes bestärkt. In dem gesamten Schumann-Konzert wirkt Tetzlaff nicht recht bei der Sache. Das Gesamtniveau des Vortrags bleibt jedoch trotz alledem noch hoch. Es gibt viel viel schlechtere Aufnahmen als diese. Dies gilt auch für den vielfach diskutierten und hier in Sachen Geschwindigkeit mustergültig gelösten dritten Satz, den Järvi und Tetzlaff in einem mäßigen, aber schwungvollen Tempo als „echt“ wirkenden Ländler interpretieren. Auch hier gibt es wieder ein paar Stellen, an denen die Bogenführung doch besser sein könnte und an denen die Violine wieder etwas „kiekst“. Es ist natürlich, gerade im dritten Satz, auch ein irrsinig schwieriger Solopart und eine Live-Aufnahme…
Trotzdem: Eine neue Referenzaufnahme des Schumann-Konzerts ist das hier beileibe nicht. Es gibt da noch ziemlich viel Platz nach „oben“.
Die Tontechnik wirkt, wie oft bei Ondine-Aufnahmen, zwar sehr körperreich und warm, aber auch etwas „dumpf“. Dabei weiß man eigentlich gar nicht so recht, woran es liegt: Die Auflösung ist recht ordentlich und auch die Tiefenstaffelung erlaubt ein sehr schönes „Hineinhören“ ins Orchester. Trotzdem hat man immer irgendwie den Drang, die „Höhen aufdrehen“ zu wollen – eine Funktion, die mein röhrenbestückter Verstärkerbolide leider nicht bietet.
Fazit: Diese Aufnahme zieht ihre unbestreitbaren Stärken aus dem Mendelssohn-Konzert, das selbst die besten Konkurrenztitel auszustechen vermag. Das Schumann-Konzert ist hier aufgrund einer ungewohnt unsicher wirkenden Solistendarbietung zwar nicht gerade ideal eingefangen, aber doch immer noch sehr gut. Järvi und das Frankfurter Radiosinfonieorchester erfinden beide Konzerte nicht neu, wirken eher routiniert – das aber auf äußerst hohem Niveau. Es ist eine zwiespältige Angelegenheit…
Als „Draufgabe“ gibt es noch die eher selten zu hörende Fantasie für Violine und Orchester Op. 131 von Robert Schumann zu hören, deren Gesamteindruck sich eher der glänzenden Darbietung des Mendelssohn-Konzerts annähert, als der durchwachsenen des Schumann-Violinkonzerts.
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