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Moscow Philharmonic Orchestra, Mariss Jansons: Alexander Tchaikovsky – Etudes in Simple Tones

Wie viele komponierende Tschaikowskys gibt es eigentlich? Na gut, den Großen, den kennt jeder: Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893), der Romantiker, Komponist von unsterblichen Melodien: Schwanensee, Der Nussknacker, Klavierkonzert Nr. 1 usw. Deutlich unbekannter ist da schon der „Tschaikowsky des 20. Jahrhunderts“, Boris Tschaikowsky (1925–1996), der Schostakowitsch-Schüler, der zumindest in seiner russischen Heimat überaus geschätzt ist und dessen Sinfonien, Kammermusik, Film- und Hörspiel-Musiken (!) allemal eine Entdeckung wert sind (etwa „The War Suite“, Naxos 8.573207). Und dann gibt es noch den zeitgenössischen Alexander Tschaikowsky (*1946), der weder verwandt noch verschwägert mit den anderen beiden ist und doch – auf seine eigene Weise – ebenso einen höchst originellen Personalstil entwickelt hat, der nun erstmalig (wie mir scheint) auf Tonträger mit gleich zwei Konzerten zu hören ist: der „Etudes in Simple Tones“ und dem (namenlosen) Konzert für zwei Klaviere und Orchester op. 70.

Allein die Besetzung dieser Hochglanz-Produktion macht deutlich, welchen Stellenwert Alexander Tschaikowsky in der heutigen russischen Musik hat: Mit dem Bratschisten Yuri Bashmet, dem Pianisten Boris Berezovsky und den Moskauer Philharmonikern unter niemand geringerem als Mariss Jansons spielt hier die Crème de la Crème der russischen und internationalen Szene auf. Die Tochter des Komponisten, die Pianistin Daria Tschaikowskaja und die Tochter des Bratschisten Yuri, die Pianistin Xenia Bashmet, komplettieren das All-Star-Line-Up.

Die „Etudes in Simple Tones“ sind keine Miniaturensammlung für Klavier (wie man bei dem Titel vermuten könnte), sondern ein Konzert für Viola, Solo-Klavier und Orchester. 1993 veranstaltete das London Symphony Orchestra im Barbican Centre ein Yuri-Bashmet-Festival und Alexander Tschaikowsky, ein enger Freund des Weltklasse-Bratschisten, wurde gebeten, ein Konzert für diese Gelegenheit zu schreiben. Die „Etudes in Simple Tones“ sind ein fünfsätziges, gut halbstündiges Werk. Die Solo-Parts dieser Aufnahme der Moskauer Philharmoniker werden vom Widmungsträger Bashmet und dem hochdekorierten Pianisten Boris Berezovsky übernommen. Schon die ersten Takte des ersten Satzes mit einer weitschweifenden Viola-Kantilene, der flankierenden Harfe und einem sehnsüchtigen Orchester weisen es als ungewöhnlichen Beitrag zur Gattung aus: Einflüsse aus der Minimal Music, der Spätromantik, dem Impressionismus, später sogar Jazz- und Rock-Anleihen sind unverkennbar. Im Laufe des Konzerts entwickelt sich ein rauschhafter Wechsel der Gattungen, die von Bashmets Bratsche und in den schnellen Sätzen von Berezovskys perkussivem Klavierspiel dicht miteinander verwoben werden. Wenngleich sich das „Simple Tones“ auf die minimalistische Beschränkung der musikalischen Mittel bezieht, ist das Konzert alles andere als schlicht. Große dramatische Bögen wechseln unvermittelt in kontemplative Betrachtungen, hypnotisierende Sequenzen lösen sich in große Orchesterbögen auf, burleske Sequenzen münden in swingende und improvisierende Momente. Wenn diese „Etüden“ also bloße „Studien“ sind, so können sie sich nur an einen Meisterinterpreten wie Bashmet wenden. In diesem Konzert bleibt alles wie in einem Kaleidoskop in Bewegung. Wie gut, dass Mariss Jansons bestens mit den unterschiedlichsten Idiomen des 20. und 21. Jahrhunderts vertraut ist. Und spätestens wenn Bashmet und Berezovsky im vierten Satz ein paar Takte reinen Gypsy Jazz zelebrieren, ist man begeistert.

Mit „den Töchtern“ Daria Tschaikowskaja und Xenia Bashmet als Solistinnen (die in Wirklichkeit unabhängige und ausgezeichnete Künstlerinnen, auch ohne Familienbonus, sind) spricht das Konzert für zwei Klaviere und Orchester (aus dem Jahre 2000) eine etwas traditionellere, oder wenn man so will, konservativere Klangsprache. Wobei auch hier Alexander Tschaikowsky verschiedene Stilrichtungen mischt, allerdings bleiben die Sätze weitgehend „sortenrein“: Der erste Satz verbindet Rhythmik mit Explosivität zu einer furiosen Eröffnung; das anschließende Andante des zweiten Satzes hat etwas dezidiert Filmmusik-haftes und evoziert mit einer reduzierten Klangsprache Traumbilder; der letzte Satz greift die Rhythmik und Explosivität des ersten Satzes wieder auf und versetzt sie mit impressionistischen Momenten. Schließlich löst sich sich alles in einem burlesk-überdrehten Finale à la Schostakowitsch auf. Das ist Schwerstarbeit für die Solistinnen.

Alexander Tschaikowsky verdichtet in seiner Musik Elemente der französischen, russischen und amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts zu einem frischen, postmodernen Panoptikum, das durchaus bei einem größeren Publikum ankommen kann. Der aufbrausende Jubel am Ende der Konzerte belegt die Begeisterung. Die exzellenten Solisten und das hervorragend eingestellte Orchester unter Mariss Jansons halten ein eindrucksvolles Plädoyer für Alexander Tschaikowskys Musik und für die zeitgenössische russische Musik, die – wie immer – ihren eigenen Takt behält.

Veröffentlicht inAlben vorgestellt

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