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Michael Gielen Edition Vol. 4: 1968–2014

Im Juli dieses Jahres wird der Dirigent Michael Gielen 90 Jahre alt. Auch wenn der Maestro im Oktober 2014 bekannt gab, aus gesundheitlichen Gründen seine Dirigentenkarriere zu beenden und keine Konzerte mehr zu geben, so ist sein Ruhm und seine Wirkung, vor allem im Ausland, ungebrochen. Als langjähriger Chefdirigent des SWF Sinfonieorchesters Baden-Baden, das 1996 in SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg umbenannt wurde, prägte er die deutsche Orchesterkultur nachhaltig. Er führte den Klangkörper mit Disziplin, Präzision und Bescheidenheit in die Weltspitze und blieb ihm auch nach seinem Ausscheiden als Chefdirigent 1999 als ständiger Gastdirigent (seit 2002 als Ehrendirigent) eng verbunden. Die Michael Gielen Edition zeichnet in zehn geplanten Volumina das Wirken dieser lebenden Legende nach. Dafür hat man tief in den Radioarchiven gegraben und einzigartige Schätze zutage gefördert. Nicht wenige von ihnen sind zuvor niemals auf Tonträger erschienen.

Nach einer ersten Sammelbox, die sich schwerpunktmäßig um Bach und die Wiener Klassik dreht, nach einem faszinierenden Bruckner-Zyklus und einer schlüssigen Brahms-Sammlung, erscheint nun eine Sammelbox, die reihenweise Raritäten der „post-beethovianischen“ Romantik und Spätromantik zusammenfasst. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1968 und 2014 mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Zu hören sind Werke von Berlioz, Dvořák, Liszt, Mendelssohn, Rachmaninoff, Schumann, Smetana, Strauß Jr., Suk, Tschaikowsky, Wagner und Weber.

Aber wie klingt „der romantische Gielen“ nun? Wer seine Bruckner- und Brahms-Aufnahmen der vorigen Volumen gehört hat, wer seine Mahler-Aufnahmen kennt (die im Verlauf der Edition noch separat wiederveröffentlicht werden), der hat schon eine ziemlich gute Vorstellung von Gielens Umgang mit dem romantischen Repertoire, einem Repertoire, das beim Blick auf die Trackliste alles andere als homogen anmutet. Klarheit und Deutlichkeit zuerst, Sentimentalitäten und eine „Romantisierung“ der Romantik sucht man bei ihm vergeblich. Keine Emphase, die nicht in der Partitur steht, kein Rubato, um den sublimen Moment herauszustellen, stattdessen Transparenz: Die Musik, das Werk spricht für sich selbst. Das schreiben sich heute viele Dirigenten auf die Fahnen, doch kaum einer setzte es schon immer so konsequent um wie Michael Gielen. In einer Ära, in der die großen Ex- und Egozentriker den Gusto des Musikpublikums nach ihren ästhetischen Vorstellungen formten und sich in das Zentrum der Aufführung stellten, blieb Gielens Plädoyer zur Bescheidenheit kaum beachtet. Heute gelten die Exzentriker als „überholt“ und Gielens Interpretationen bleiben zeitlose Dokumente.

Die Aufnahmen klingen immer noch aufregend „modern“ und fern jeder aufgesetzten Theatralik, etwa sein Wagner: Die „Lohengrin“-Vorspiele zum ersten und dritten Aufzug, das Vorspiel zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ und das Vorspiel und „Isoldes Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ empfehlen seine Lesart nachdrücklich als Gegenentwurf einer „Bayreuther“ Pathos-Glorifizierung. Und Gielen weiß, was er tut (bzw. worauf er verzichtet), war er doch als Frankfurter Operndirektor (immerhin zehn Jahre, von 1977-1987) bestens mit der Materie vertraut, verantwortlich für einen international beachteten »Ring des Nibelungen« in der Regie von Ruth Berghaus.

Lobenswert ist auch sein bemerkenswert klarer, gleichzeitig seine Wirkung nicht verfehlender Berlioz, nicht nur in der viel gespielten „Symphonie fantastique“, sondern auch bei der deutlich seltener zu hörenden Ouvertüre „Le carnaval romain“ und vor allem bei der großartigen „Grande Messe des Morts“. Ein besseres Plädoyer für diese zu Unrecht außerhalb Frankreichs beiseite gedrängte Großtat Berlioz’ kann man sich gar nicht vorstellen. Der Kölner Rundfunkchor, das SWR Vokalensemble Stuttgart, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und der Tenor David Rendall waren an jenem denkwürdigen Tag der Live-Aufnahme im März 1979 in der Stuttgarter Liederhalle glänzend aufgelegt. Eine Offenbarung ist auch sein entkitschter Blick auf Tschaikowskys Sinfonien Nos. 4 und 6, die endlich einmal den Fokus auf die Musik und nicht auf die (unterstellte) Tragik der Person des Komponisten zu legen scheinen.

Um eine Antwort auf die ursprüngliche Frage zu geben, wie denn nun „der romantische Gielen“ klingt: klar und deutlich, ohne Weichzeichner, nicht ohne Dramatik, aber ohne zusätzliche Dramaturgie. Eine Wohltat für all jene, die der romantischen Überzeichnungen überdrüssig sind; ein Aha-Erlebnis, für alle die glauben, das romantische Repertoire bereits in validen Einspielungen zu kennen. Gielens Deutungen mögen nicht immer der (damals) „herrschenden Meinung“ folgen, sie sind aber bis zu heutigen Tag schlüssig.

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