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Michael Gielen Edition Vol. 3: Brahms – The Symphonies · Piano Concerto No. 1 · Double Concerto · Piano Quartet No. 1

Die in mehreren Volumen angelegte „Michael Gielen Edition“ ist das überwältigende künstlerische Vermächtnis des im Oktober 2014 von seiner aktiven Laufbahn zurückgetretenen Dirigenten. Über viele Jahrzehnte prägte Michael Gielen die Spielkultur der „öffentlich-rechtlichen“ Klangkörper Südwestdeutschlands: Vor allem das (mittlerweile in dieser Form nicht mehr existierende) SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg gelang durch seine Arbeit an die Weltspitze. Während ihm die Anerkennung durch die breite Öffentlichkeit in Deutschland verwehrt blieb, wo man drüben Masur und hüben Karajan, aber eben nicht Gielen verehrte, galt und gilt er jenseits der Grenze, speziell in Asien, als einer der allergrößten seiner Zunft.

Michael Gielen Edition Vol. 3: Brahms - SWR19022CD»Ich bin altmodisch und bleibe modern«, hat der in Dresden geborene Maestro mal gesagt. In diesem scheinbaren Widerspruch, der Tradition und Fortschritt vereint, liegt das Geheimnis der zeitlosen, radikal am Notentext orientierten Interpretationen. Nach der Wiener Klassik und Romantik (Vol. 1, SWR19007CD) und den Sinfonien Bruckners (Vol. 2, SWR19014CD) liegt nun mit dem dritten Teil der Edition der vollständige Brahms-Sinfonienzyklus vor. Dieser wird durch die Tragische Ouvertüre in d-Moll, die Haydn-Variationen, das Schicksalslied für Chor und Orchester, das Klavierkonzert Nr. 1 in d-Moll, das Doppelkonzert in a-Moll und (last but not least) durch die wundervolle Schönberg-Orchestrierung des Klavierquartetts Nr. 1 in g-Moll ergänzt.

Die Aufnahmen entstanden zwischen 1989 und 2005. Neben dem SWR Sinfonieorchester musizieren der Cellist David Geringas und der Violinist Mark Kaplan (beim Doppelkonzert), der Pianist Gerhard Oppitz (beim Klavierkonzert) und der WDR Rundfunkchor Köln (beim Schicksalslied).

Johannes BrahmsWas man hört, ist ein schnörkelloser, nahezu (im doppelten Sinne) klassischer Brahms, nicht ohne Mystik, wohl aber ohne Mythen. Die fast klebrige Schwere, die man Brahms immer wieder unterstellt, ist aus Gielens Perspektive kein Thema. Das kommt der Transparenz der Musik, die ja alles andere als „leichte Kost“ ist, unglaublich zugute. Dieser Sinfoniezyklus ist kraftvoll und energiegeladen. Die Tempi sind straff und präzise, niemals aber rasch oder gar überhastet. Statt blankpolierter Highlights setzen Gielen und sein SWR Orchester auf die Kraft der ganzen Komposition.

Deutlich romantischer als die Sinfonien erklingen die Haydn-Variationen. Gielens untrüglicher Blick für die Gesamtdramaturgie eines Werkes entwickelt aus den acht Variationen im Finale eine mitreißende Woge. Noch intensiver ist das „romantische Klangerlebnis“ im Schicksalslied. Eine knappe Viertelstunde schreitet man förmlich mit dem exzellenten Orchester und dem ebenso brillanten Kölner Chor durch Hölderlins düstere Verse. Gielens Erfahrung (als ausgewiesener Mahler-Experte) im Umgang mit Orchester und Chor formt aus dem Werk ein aufwühlendes Highlight der Box.

Das Klavierkonzert Nr. 1 und das Doppelkonzert für Violine und Cello sind weitere Glanzpunkte dieser prall gefüllten Box. Die unprätentiösen, aber geradezu elektrisierend aufspielenden Solisten und Gielens untrügliches Gespür zur Versachlichung romantischer Werke, machen aus den Konzerten dennoch (oder erst recht) berauschende Deutungen. Das Zusammenspiel zwischen Orchester und Solisten und der Solisten untereinander ist vorbildlich.

Als i-Tüpfelchen rundet „Brahms’ Fünfte“, wie Schönberg selbst einmal seine Bearbeitung des Klavierquartetts Nr. 1 für Orchester scherzhaft genannt hat, eine starke Brahms-Sammlung ab. Rhythmische Akzente und fein ausbalancierte Orchestereffekte machen aus Schönbergs Bearbeitung tatsächlich ein nahezu „sinfonisches Klangerlebnis“. Gielen, geht mit Schönbergs Bearbeitung ebenso behutsam und notengetreu um, wie es Schönberg mit Brahms’ Quartett tat: Das Ergebnis ist, zumindest in dieser überzeugenden Durchführung, eine wirklich essenzielle Ergänzung des Brahmschen sinfonischen Katalogs.

Der dritte Teil der „Michael Gielen Edition“ ist, wie die beiden Vorgänger, ein beeindruckender Beleg für Gielens tiefes Verständnis für die Musik und für die Sorgfalt, mit der er seine Deutungen mit „seinem“ Klangkörper formte. Ein unwiderstehliches Plädoyer für Brahms und für diese diskografische Großtat: Man darf jetzt schon auf den nächsten Volumen der Edition gespannt sein – und sich derweil an den ersten drei Teilen immer wieder erfreuen.

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