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Leoš Janáček – Taras Bulba, Mährische Tänze, Walachische Tänze

Leoš Janáčeks sinfonische Dichtung „Taras Bulba“ in einer überzeugenden neuen Einspielung

Neben der Oper „Jenufa“, der „Sinfonietta“ und einigen Klaviermusikzyklen und Streichquartetten ist die sinfonische Dichtung „Taras Bulba“ wohl die bekannteste Komposition des Tschechen Leoš Janáček.
Interessant ist aber ein Aspekt: Während der Komponist Janáček ab etwa Ende der 1980er-Jahre ein großes „Revival“ erlebt hat, im Zuge dessen gleich mehrere Opernhäuser der Republik sich zu kompletten Zyklen von Janáčeks großartigen Opern entschlossen, ist diese Begeisterung an der Tondichtung „Taras Bulba“ irgendwie vorbei gegangen.
Das merkt man auch an der Vermarktung auf CD. Früher war „Taras Bulba“ fraglos eines der beliebtesten Janáček-Stücke und war öfter sehr prominent als Titel eines Klassik-Albums ausgewiesen. Die Hörer mochten das Stück und nahmen es als Janáčeks orchestrales Hauptwerk neben der monumentalen Sinfonietta wahr.

Dieser Wind hat sich gehörig gedreht. Heute wissen viele „Gelegenheits-Klassikhörer“ nicht einmal mehr etwas von der Sinfonietta, geschweige denn von „Taras Bulba“ oder gar den anderen, auf dieser CD enthaltenen Stücken – den mährischen und den walachischen Tänzen.
Heute ist – zumindest in Deutschland – der Name Janáček annähernd gleichzusetzen mit Oper – vor allem Jenufa. Aber auch die Opern „Das schlaue Füchslein“ oder „Die Sache Makropulos“ sind inzwischen äußerst populär geworden.

Ich sag’s jetzt mal geradeheraus: Ich verstehe das nicht! Janáčeks Opern, die sowohl in Sachen Musik als auch durch ihren thematischen Gehalt häufig als durchaus „unbequem“ bezeichnet werden können, werden immer beliebter, während die in Janáčeks Schaffen noch am ehesten als „mainstreamkompatibel“ einzustufende Orchestermusik mehr und mehr droht, in den Hintergrund zu geraten.

Fairerweise muss man aber auch konstatieren, dass die Plattenlabels dieser Welt sich der Orchestermusik des Tschechen schon früh annahmen, während die Opern bis auf wenige Ausnahmen oft noch bis in jüngste Zeit nicht auf CD vorlagen. Die Labels hatten also in Sachen Oper viel mehr „aufzuholen“, was auch ein Grund dafür gewesen sein mag, warum die Orchestermusik Janáčeks in den letzten zwei Jahrzehnten etwas an Prominenz einbüßte. Schließlich gab es genug hervorragende Einspielungen dieser Werke.

Naxos hatte bereits im letzten Jahr sehr schöne Neueinspielungen der Sinfonietta und der Glagolithischen Messe vorgelegt. Nun folgt eine Neuaufnahme von „Taras Bulba“. Ebenso wie letztes Jahr ist wieder das Philharmonische Orchester aus Warschau unter der Leitung ihres großartigen Chefdirigenten Antoni Wit am Werk. Wit hatte in den letzten Jahren vor allem mit seinen hochkarätigen Mahler-Aufnahmen für Wirbel gesorgt, hatte aber schon Mitte der 1990er-Jahre zum Teil ganz fantastische Einspielungen von Werken Béla Bártoks und Witold Lutosławskis vorgelegt, die bis heute mit zum Besten gehören, was es am Markt gibt.

Die nun vorliegende „Taras Bulba“-Darbietung ist ebenfalls gelungen. Antoni Wit hat einfach ein Händchen für groß angelegte Partituren. Er besitzt zudem die notwendige Erfahrung in den Bereichen der Spätromantik und der Neuen Musik zu gleichen Maßen. Dies kommt der hier zu hörenden Einspielung von „Taras Bulba“ sehr zugute – einem Stück, dem immer wieder eine gewissermaßen „unkritische“ spätromantische Lesart angeheftet wird.
Antoni Wit aber legt die düsteren, die dramatischen Seiten von „Taras Bulba“ frei und ordnet das Werk so in den zeitlichen Kontext seiner Entstehungszeit ein. Janáček war eben kein Naturmystiker wie Sibelius. Er war ein politischer Mensch, der auch privat viele Schicksalsschläge zu verkraften hatte, einmal sogar Zeuge eines Totschlags wurde. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Janáčeks Musik immer davon profitiert, wenn ein Interpret am Werk ist, der einen tendenziell eher aus der Spätromantik herausführenden, die modernen Tendenzen von Janáčeks Musik betondenden Stil pflegt. Genau das ist hier der Fall.

Leider sind die Warschauer Philharmoniker bei näherem Hinhören aber dann doch ein Orchester, das nicht in der allerersten Liga mitzuspielen vermag. Die rhythmische Durchdringung des Orchesters gelingt Wit jedenfalls nicht so, wie er das gern möchte. Die Streicher und die Bläsersektionen (sowohl Holz als auch Blech) sind rhythmisch durchaus nicht immer 100%ig synchron. Das merkt man bereits bei „Taras Bulba“, noch stärker aber bei den folgenden, folkloristischen Tanzsuiten „Walachische Tänze“ und „Mährische Tänze“. Das ist durchaus ein Manko dieser Aufnahme, das aber durch eine immense Spielfreudigkeit des Orchesters sowie einen sehr guten Aufnahmeklang weitgehend wieder wettgemacht wird.

Abschließend kann nicht verschwiegen werden, das es am Markt zweifellos Einspielungen gibt, die einen mehr „rundum“ zu überzeugen verstehen. Gleichwohl ist diese neue sehr zu begrüßen. Sie hat nicht nur einige Klasse und Qualität, sondern ihr Dirigent hat auch eine Vision und eine eigene Interpretationspraxis, was Janáček angeht. Das ist aller Ehren wert und zudem eher selten. Alles in allem also eine Empfehlung!

L. Janáček – Taras Bulba / Mährische Tänze / Walachische Tänze
Warschauer Philharmoniker – Antoni Wit

(2012)  Naxos Katalog-Nr.: 8.572695 / EAN: 747313269570

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Veröffentlicht inThe-Listener

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