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Igor Strawinsky – „Later Ballets“

557505 bk StravinskyPhilharmonia Orchestra, London Symphony Orchestra, Twentieth Century Classics Ensemble, Orchestra of St. Lukes – Robert Craft

Die nunmehr neunte Ausgabe von Strawinsky-Werken in Naxos’ löblicher „Robert-Craft-Collection“ beinhaltet Ballettspätwerke, die im Gegensatz zu den frühen Balletten des Komponisten (Feuervogel, Petruschka, Le Sacre du Printemps) leider ein Schattendasein im internationalen Repertoire führen.

Dass dies ungerechtfertigt ist, zeigt auch dieses Mal wieder der Strawinsky-Intimus und Dirigent Robert Craft, der Strawinsky jahrzehntelang als eine Art „kompositorische Muse“ sowie Ghostwriter für musikwissenschaftliche Abhandlungen zur Seite stand. Crafts Buchveröffentlichungen „Gespräche mit Strawinsky“ wurden berühmt und seine Uraufführungen später Strawinsky-Werke unter Obacht des Meisters sind legendär. Craft saß an Strawinskys Totenbett und legte ihm die letzte Schallplatte auf. Kein anderer Dirigent kann als derart naher musikalischer Partner des Komponisten gesehen werden.

Die hier vorliegenden Aufnahmen – die vormals leider nur in den USA über Music Masters sowie Koch Classics erhältlich waren – umfassen die Ballette „Jeu de cartes“ („Kartenspiel“), und „Scènes de Ballet“ sowie das „Capriccio“ für Klavier und Orchester, welches später auch als Ballett „Rubies“ in Erscheinung treten sollte. Etwas unverständlich ist mir, warum auf einer CD, die mit „Later Ballets“ betitelt ist, auch die „Danses Concertantes“ zu finden sind. Wie bereits am Titel des Stücks ersichtlich, handelt es sich um konzertante „Tänze“, die mitnichten für eine Bühnenadaption bestimmt waren (was jedoch einige Regisseure nicht davon abgehalten hat, das Stück später dennoch auf die Ballettbühne zu bringen).

Die CD beginnt mit dem Ballett „Jeu de Cartes“, welches deutliche Trademarks von Strawinskys Neoklassik trägt (somit Stücken wie „The Rake’s Progress“ und „Pulcinella“ verwandt), aber sowohl in den Punkten Konzeption und formeller Anlage auch schon auf spätere Werke wie etwa die „Danses Concertantes“ oder „Agon“ hindeutet. Die Versatztechnik, mit der Strawinsky scheinbarocke Motive und Themen mit seiner typisch schnörkellosen Musiksprache verschneidet, ist bemerkenswert. Robert Craft und das vorzüglich aufspielende Londoner Philharmonia Orchestra machen viele Details hörbar, die bei anderen Einspielungen unter den Tisch fielen.

Es folgen die eher sperrigen „Danses concertantes“ die zeitweise den spröden „Charme“ von Übungsstücken vermitteln. Im Endeffekt waren sie das auch: Strawinsky suchte Anfang der 1940er nach neuen musikalischen Ausdrucksformen. Startpunkt dieser Entwicklung waren die „Danses concertantes“ in denen jegliche Emotionalität auf ein Mindestmaß zurückgefahren wurde. Im Endeffekt wirkt das eher „musiktheoretisch“ und auf den Hörer nur wenig reizvoll. Erst später hat Strawinsky in Werken wie „Agon“ bewiesen, dass formelle Nüchternheit den Spaß an der Musik nicht verderben muss.

Das dritte Stück auf der CD ist Strawinskys einziger Beitrag zu einer Broadway-Show: Die Musik „Scènes de Ballet“. Dieses Ballett ist eines der weithin umstrittenen Werke im Oeuvre des Komponisten. Auch Craft schreibt im Booklet zur CD: „Sentimentality and vulgarity are ingredients of the music, admittedly…“. Auf der Aufnahme zeigt Craft jedoch, dass man das berühmte, im Zentrum des Stücks stehende und in vielen Einspielungen zur Süßlichkeit neigende (London SO, M. Tilson Thomas) Trompetensolo auch anders interpretieren kann. Selten habe ich eine gelungenere Aufnahme von „Scènes…“ gehört. Erst durch Crafts Deutung wurde mir persönlich klar, wie das Stück überhaupt auf dem Broadway hat funktionieren können.

Etwas artfremd ist das vierte Stück der CD: „Variations in Memory of Aldous Huxley“. Meines Erachtens ist dieses dodekaphonisch (also als Zwölftonmusik) konzipierte Stück eine der am wenigsten überzeugenden Kompositionen Strawinskys. Auch wenn sich Robert Craft verständlichermaßen im Booklet über die Musik eingehend ereifert – schließlich war er 1965 Dirigent der Uraufführung – kann der unvoreingenommene Hörer nicht bestreiten, dass Strawinskys Konzept, die der Kompositionspraxis Anton Weberns ähnelnde Anlage mit der Variationstechnik J. S. Bachs zu verschneiden, nicht gut funktioniert. Dennoch spielt das London Symphony Orchestra brillant und sehr luzid.

Das letzte Stück der CD ist das „Capriccio“ für Klavier und Orchester, eigentlich ein veritables Klavierkonzert in drei Sätzen. Später machte das Konzert als Ballett „Rubies“ von sich reden. Es ist ein typisches Instrumentalkonzert des Komponisten am Übergang der 1920er- zu den 1930er-Jahren. Der perlende Klavierpart erinnert in der Tat manches Mal an glänzende Rubine oder Sonnenreflexionen. Das „Capriccio“ ist ein reizvolles, heiteres Stück und ist nicht umsonst recht populär geworden. Solist Mark Wait mag nicht ganz die Klasse eines Peter Rösel (Einspielung: RSO Leipzig, Herbert Kegel) erreichen, dennoch ist die Orchesterleistung des Orchestra of St. Luke’s – welches im Rahmen der Robert-Craft-Collection die bislang wohl überzeugendsten Einspielungen vorgelegt hat – wieder beachtlich.

Alles in allem ist auch diese neunte CD in der Naxos-Reihe mit Strawinsky-Kompositionen wieder jeden Cent wert, kommt aber ein wenig unausgewogen daher, was die programmatische Konzeption und leider auch Teile der Ausführung angeht.

Igor Strawinsky – Späte Ballette
diverse Orchester und Solisten – Robert Craft
(2007) Naxos  ArtNr.: 8.557506 / EAN: 747313250622

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Veröffentlicht inThe-Listener

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