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Gustav Mahler — Sinfonie Nr. 7

Jonathan Nott und die Bamberger Symphoniker führen Mahlers Siebte in bislang unerreichte Höhen

Es ist schon komisch: Während man noch Ende der 1980er-Jahre Gesamtausgaben der Mahler-Sinfonien als Zyklus mit der Lupe suchen musste, ist das Œuvre des gebürtigen Böhmen heute geradezu inflationär verfügbar. Doch ist die Gesamtsituation dadurch besser geworden? Ich persönlich denke: Nein!

Zwar gibt es heute tausendundeinen Mahler-Zyklus, einige sogar für sehr wenig Geld, andere wiederum sehr teuer, doch die meisten davon scheren sich nicht um die ganz spezifische, hoch emotionale und vor allem auch sehr psychologisch motivierte Klangwelt Gustav Mahlers – auch wenn bei praktisch jeder Neuauflage Gegenteiliges behauptet wird.

Gustav Mahler im Jahr 1909 – ein Jahr nach der Uraufführung seiner siebten Sinfonie. Bildquelle: ⓒLibrary of Congress, USA.

Wir wollen hier mal keine Namen nennen, doch jeder ernsthaft an der Musik Gustav Mahlers Interessierte weiß, dass man 80% des derzeit Verfügbaren getrost zu den Akten legen kann.

Umso wertvoller werden also die echt qualitativ hochwertigen Mahler-Zyklen, von denen es in den letzten zehn Jahren nach meinem Dafürhalten nur drei gegeben hat: Diejenigen von Michael Gielen und dem SWR Symphonieorchester, von David Zinman und dem Tonhalle Orchester Zürich und von Jonathan Nott und den Bamberger Symphonikern (auch qualitativ übrigens in der Reihenfolge, soll heißen: Nott und die Bamberger haben in meiner Privatsammlung bislang die „Goldmedaille“ umhängen).

 

Und wer nun glaubt, ich hätte die Zyklen von Michael Tilson Thomas und seinem Orchester aus San Francisco oder Benjamin Zander und dem Philharmonia Orchestra unter Umständen vergessen, der irrt: Ich find‘ die nur einfach nicht besonders gut…

Nun also geht Jonathan Nott mit seinen Bambergern in eine weitere Runde und nimmt sich der verzwickten siebten Sinfonie an, die Mahler selbst Zeit seines Lebens als eine seiner Besten betrachtete. Nachfolgende Geistesgrößen, wie etwa Theodor Adorno oder Paul Bekker konnten dem musikalisch vollzogenen Rückblick der Siebten, dem Blick über die Schulter auf vergangene „Wunderhorn“-Tage, nichts Positives abgewinnen. Adorno sagte geradeheraus, Mahlers Siebte sei charakterisiert durch „ein ohnmächtiges Missverhältnis zwischen der prunkvollen Erscheinung und dem mageren Gehalt des Ganzen“. Paul Bekker hingegen störte sich an den „Kontrasten“ der einzelnen Sätze: “… die Kontraste stehen unvermittelt, ungelöst nebeneinander“.

Alma Mahler hingegen wusste aus dem Familienkreis über eine denkwürdige Begebenheit zu berichten, bei der Gustav Mahler das Stück am Klavier vorgespielt hatte: „Kein Werk ist ihm so unmittelbar aus dem Herzen geflossen wie dieses. Wir weinten damals beide.“

Von diesen oben zitierten Meinungen ist sicher die von Paul Bekker diejenige, welche die Interpretationsgeschichte des Werkes am meisten beeinflusst hat. Sehr häufig hört man (auch klassische) Werkwiedergaben auf CD, bei der die (von Adorno als „schwach“) empfundenen Ecksätze irgendwie hingeschludert werden, während man sich in epischer Breite dem populären Mittelsatztrio gewidmet hat. Oder es gibt (genau umgekehrt) Einspielungen, die den Nachtmusiken der Mittelsätze (zu denen ja ideengeschichtlich auch das Scherzo gehört) quasi gewalttätig ihren Zauber nehmen wollen, zugunsten einer fein ausgeklügelten Interpretation der umstrittenen Ecksätze. Nur selten finden sich ausgewogene Darbietungen der Siebten. Doch ein paar gibt es schon…

Mit der Deutung von Jonathan Nott und den Bamberger Symphonikern ist nun eine herausragend Gute in den Kreis der Erlauchten getreten. Sie ist grandios gespielt, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Die Bamberger Symphoniker machen ihrem Ruf, eines der besten Orchester Deutschlands (wenn nicht sogar das beste) zu sein, alle Ehre: Von den sagenhaft schön dargebotenen Naturtönen der Hörner bis hin zur atemberaubenden Exaktheit des Spiels von Mandoline und Gitarre in der zweiten Nachtmusik ist diese Einspielung die ultimative Königsklasse der Mahler-Interpretation! Sie hat selbst die famosen Einspielungen von David Zinman mit dem Tonhalle Orchester Zürich und von Gary Bertini mit dem WDR Sinfonieorchester (ein „Klassiker“ der Mahler-Interpretation aus den 1980er-Jahren) eindrucksvoll in ihre Schranken verwiesen.

Wer gedacht hat, Gielen und Zinman hätten bereits alles an Transparenz aus der zum Teil dicht gesetzten und schwierig durchhörbar zu machenden Siebten herausgekitzelt, sollte sich einmal diese neue SACD anhören. Es ist beinahe erschütternd, wie hier jeder Ton seinen Platz zugewiesen bekommt, wie genau Nott diese Partitur „aufgedröselt“ hat, wie klar und ohne alle Missverständnisse Mahlers Werk plötzlich vor einem steht. Das ist nicht grandios, das ist nicht Referenz, das ist für mich streng genommen die bislang einzige Aufnahme, die Mahlers Siebte von vorne bis hinten derartig seziert, dass man glaubt, die Partitur läge offen vor einem.

Nott erreicht dies unter anderem durch ungewöhnlich langsame Tempi, die aber erstaunlich gut zu dem musikalischen „Großen und Ganzen“ der Siebten passen. Er liegt damit in einer Tradition der Mahler-Lesart, wie sie einst der legendäre Herbert Kegel in grandioser Weise vollzog. Unvergessen und für mich die ewige Speerspitze der Interpretation von Mahlers Wunderhornsinfonien sind dessen Interpretationen der Sinfonien 1 bis 4.

Aber die herrliche Transparenz dieser neuen Aufnahme aus Bamberg ist natürlich auch eine Begleiterscheinung des sehr eindrucksvollen Sounds, den Tonmeister Reinhold Förster hier für die Ewigkeit gebannt hat. Und ich frage mich: Wieso bekommt man das bei dieser Mahler-Aufführung aus der Sinfonie an der Regnitz hin, während das erst kürzlich bei einer Weber-Einspielung aus demselben Bau wirklich eher misslungen war? Für Laien wie mich ist so etwas immer ein Rätsel!

Ein Rätsel für mich persönlich ist auch, wie das Tudor-Label es immer schafft, dass SACD- und CD-Layer einer Hybrid-SACD so extrem unterschiedlich klingen. Praktisch alle anderen Labels, die SACDs in ihren Portfolio führen, versuchen den Sound beider Layer einander so weit anzunähern, wie möglich. Bei Tudor ist das Gegenteil der Fall. SACD- und CD-Layer liegen hier klanglich oft Welten auseinander (nicht immer übrigens zugunsten des SACD-Layers).

Bei dieser Veröffentlichung jedoch ist der SACD-Layer die Wiedergabeoption der Wahl: Die Brillanz und zugleich die Wärme, die über ihn durch die Boxen strömen, ist audiophiler Genuss pur. Der polterige und transparenzarme CD-Layer hingegen wird niemanden zufriedenstellen, der die Scheibe „nur“ auf einem CD-Player hört, selbst wenn das ein sehr guter ist.

Fazit: In meinen Augen ist die neue Mahler-Siebte der Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott nicht nur die neue Referenzeinspielung, sondern sie ist auch der bislang sicherlich heißeste Kandidat für einen Platz auf der Rangliste „CD des Jahres“ 2012. Das Jahr ist ja noch jung. Wir werden sehen…

G. Mahler – Sinfonie Nr. 7
Bamberger Symphoniker – J. Nott

(2012)
Tudor Katalog-Nr.: TUD 7176 / EAN: 812973011767

 

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Veröffentlicht inThe-Listener

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