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Gürzenich-Orchester Köln, Dmitrij Kitajenko: Musorgksij – Eine Nacht auf dem kahlen Berge / Lieder und Tänze des Todes · Prokof’ev – Aleksandr Nevskij

Mussorgsky-Wochen im Naxos-Blog! Naja, zumindest ein bisschen. Wenige Wochen nachdem ich den Leserinnen und Lesern des Blogs Giacomo Scinardos Gesamteinspielung der Klavierwerke Modest Petrowitschs ans Herz bzw. ans Ohr gelegt habe, folgt nun eine Veröffentlichung mit orchestraler Musik des für mich »aufregendsten und modernsten russischen Komponisten des 19. Jahrhunderts« (so viel Selbstzitat sei ausnahmsweise gestattet). Mussorgsky Musik ist auf dem vorliegenden Album des Gürzenich-Orchesters Köln mit Prokofjews „Alexander Newski“ gekoppelt. Der Ehrendirigent des ältesten Kölner Klangkörpers Dmitrij Kitajenko hat eine Aufnahme vorgelegt, die in vielerlei Hinsicht von besonderem Interesse ist.

Eröffnet wird das Album mit der Originalversion der sinfonischen Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ (bzw. „Eine Johannisnacht auf dem kahlen Berge“ wie es im Booklet korrekt übersetzt heißt). Diese ist (leider!) deutlich seltener zu hören, als Rimski-Korsakows danach angefertigte Umorchestrierung. Mussorgskys ursprüngliche Fassung von 1866/67 offenbart die obsessiven Untiefen der Psyche im Alptraumszenario des Hexensabbats viel eindringlicher, als die „geglättete“ Version seines Freundes. Gerade Mussorgskys geradezu unbekümmerte Art des nicht normierten Amateurs machen das Stück in dieser Fassung aus. Das Wilde, das Erotische, das Ekstatische der Hexen, die sich in der Johannisnacht ihrem Meister hingeben, ist so impulsiv und unberechenbar wie die häufigen (und schroffen) Tempiwechsel. Das Stück verlangt vom Orchester höchste Präzision, sonst läuft es ganz schnell aus dem Ruder. Wie gut, dass Kitajenko das Gürzenich-Orchester seit Jahren aus dem Effeff kennt. Die unmittelbare Spannung des Stücks bleibt erhalten, bis alles in einem abrupten Ende kulminiert. Der lang anhaltende Gänsehauteffekt ist hier garantiert.

Die „Lieder und Tänze des Todes“ entstanden zunächst für Stimme und Klavier. Mussorgskys Pläne sie zu orchestrieren fielen, wie so vieles andere in seinem Leben auch, wohl seiner Alkoholabhängigkeit zum Opfer. Glasunow, Rimsky-Korsakow, Schostakowitsch und zuletzt der russische Avantgardist Edison Denisov (1929–1996) legten Orchesterfassungen vor. Kitajenko und das Kölner Orchester haben sich für Denisovs kühne Fassung entschieden, die das romantische und spätromantische Klangbild seiner Vorgänger hinter sich lässt und »das Zukunftspotential der Musik Mussorgskys«, wie es im hervorragenden Booklet-Text von Hartmut Lück heißt, »auf eine immer wieder geradezu verstörende Weise« aufzeigt. Der Bariton Vladislav Sulimsky, seit 2004 Ensemblemitglied des St. Petersburger Mariinsky-Theaters, gestaltet die morbiden Lieder mit großer Differenziertheit und ohne überzogenen Pathos. Man muss kein Russisch sprechen, um zu begreifen, dass der Sensenmann hier eine überaus verführerische Gestalt ist, dessen Bedrohung stets nur subtil zu spüren ist.

Die zweite Hälfte des Albums gehört Sergei Prokofjews Kantate „Alexander Newski“ für Mezzosopran, Chor und Orchester. Diese entstand aus der Filmmusik zu Sergei Eisensteins gleichnamiges Filmepos über den mittelalterlichen Volkshelden, der die Russen bei der siegreichen Schlacht auf dem Peipussee gegen die einfallenden Ritter des Deutschen Ordens anführte. Als Solistin ist die Russin Agunda Kulaeva, als Chor der hervorragende Tschechische Philharmonische Chor Brno zu hören. Kitajenko, der das Werk 1991 schon einmal (mit dem dänischen Radiosinfonieorchester) aufnahm, gelingt eine ungemein transparente, gleichzeitig mitreißende Deutung des Stücks. Agunda Kulaeva betrauert auf dem „Feld der Toten“ (im vorletzten Satz) ihren gefallenen Geliebten so eindringlich und beklommen, gleichzeitig so bemerkenswert kitschfrei, dass Prokofjews Schlachtengemälde spätestens in diesem Moment zur Parabel wider die Gräuel des Krieges wird. Das Gürzenich-Orchester ist dank der langen, tiefen Freundschaft zu Dmitrij Kitajenko bestens mit dem hochdramatischen russischen Idiom vertraut; der Maestro, die hervorragende Solistin und der tschechische Chor tun ihr übriges, um aus dieser „Alexander Newski“-Aufnahme (oder „Aleksandr Nevskij“ wie es phonetisch korrekt im Booklet heißt) ein ganz großes musikalisches Ereignis zu machen.

Fazit: Interpretatorisch und klanglich, sogar grafisch und textlich ist dies eine der gelungensten Orchestermusik-Veröffentlichungen, die dieses Jahr auf den Markt gekommen sind.

Veröffentlicht inAlben vorgestellt

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