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Gilbert Schuchter: Franz Schubert – Das gesamte Klavierwerk

Die Klaviermusik Franz Schuberts ist, wie eigentlich das gesamte Œuvre des Wiener Komponisten, ebenso vielfältig wie fragmentarisch. Schubert hinterließ 21 Sonaten, davon sind nur zwölf vollendet, ferner Impromptus, Moments musicaux, Variationen, Ländler und Walzer, zahlreiche Miniaturen und Fantasien wie die bedeutende Wanderer-Fantasie. Schubert experimentierte in seiner Klaviermusik mit Formen und Stilmitteln, er brach mit Traditionen, erforschte sie gleichzeitig, er entwarf rasch Skizzen und hinterließ nur Fragmente, weil er längst zur nächsten Idee geeilt war. So kurz sein Leben war, so unruhig flackert auch sein Werk.

Als Gilbert Schuchter 1969 und 1970 im Studio Casino Baumgarten in Wien, eigentlich der Heimstatt von Preiser Records, an einem Bösendorfer Imperial-Flügel Schuberts vollständiges Klavierwerk aufnahm, schrieb er diskografische Geschichte. Er war der Erste, der Schuberts Klavierwerk vollständig und „am Stück“ aufnahm und mehr noch: Er war zugleich auch der Erste, der methodisch eine Einspielung von wissenschaftlich fundierten Schubert-Partiturausgaben vorlegte – eine Referenz in vielerlei Hinsicht. Auf weiland 15 Langspielplatten entfaltete er Schuberts immense Klangwelt in nie gekannter Sorgfalt und Vollständigkeit. Das kleine Schweizer Label Tudor hatte „die marktbeherrschenden Großfirmen beschämt“ (so die Presse beim Erscheinen der Sammeledition 1971). Zur interpretatorischen Expertise Schuchters kam auch noch eine überragende Klangqualität: Das Casino Baumgarten war damals ein „state-of-the-art“-Studio und hatte bestes analoges Aufnahme-Equipment und ein spezialisiertes Team an Technikern, die die Aufnahmen zu audiophilen Highlights gestalteten.

Schuchter war selbst zu Lebzeiten niemals einer der großen, berühmten Namen im Business. Obwohl er weltweit als Pianist (und Dirigent) auftrat, blieb sein musikalisches Epizentrum in seiner Heimatstadt Salzburg. Kennern galt Schuchter als ausgewiesener Schubert-, Mozart- und Pfitzner-Experte, seine Deutungen hatten Gewicht. Noch 1989, als seine Schubert-Aufnahmen auf CD wiederveröffentlicht wurden (kurz nachdem er nach langer Krankheit verstorben war), erregten sie großes mediales Interesse und wurden von der Presse (wie schon bei der Erstveröffentlichung) gefeiert. Heute ist sein Name fast ein wenig in Vergessenheit geraten. Gut, dass mit dieser schön gestalteten Box wieder an einen der ganz großen Schubert-Interpreten erinnert wird.

Schuchters (im Vergleich zu anderen Pianisten seiner Generation) schmale Diskografie bleibt makellos. Nicht alles von jedem, keine Mittelmäßigkeiten, keine Anbiederungen. Sein Lebenswerk, die Gesamtaufnahmen der Klavierwerke seiner drei „Hausgötter“ (wie es in einem Booklet-Text treffend beschrieben wird) Mozart, Pfitzner und Schubert, bleibt auch fast 50 Jahre nach ihrem Entstehen, ohne Patina, frei vom damals durchaus üblichen romantischen Zuckerguss und bar einer vordergründigen Virtuosität.

Gilbert Schuchter ließ Schuberts Musik Zeit, sich zu entfalten, ohne dabei behäbig oder träge zu wirken. Dabei ist seine Tonsprache sanglich und warm, im besten Sinne „wienerisch“ und gefühlsbetont, im Grundton melancholisch. Gilbert Schuchter verleiht selbst der (vermeintlich) nebensächlichsten Miniatur Ernsthaftigkeit; der schier unendliche Melodienreichtum der Musik Schuberts wird farbenfroh wiedergegeben. Dieser Schubert ist nicht überanalysiert, nicht psychologisiert, nicht modernisiert oder antiquiert, schon gar nicht trivialisiert, sondern schlicht mit Liebe und Verstand (im Sinne von „einem tiefen Verständnis“) musiziert. Das ist mehr, als man von den meisten Schubert-Aufnahmen sagen kann. Das macht Gilbert Schuchters Schubert so einzigartig und wertvoll.

Last but not least sei das 88-seitige (!) Booklet dieser liebevoll gestalteten Box erwähnt, das dreisprachig (Deutsch, Englisch und Französisch) über die Werke informiert und präzise Angaben, samt einem Index nach Gattungen gegliedert, liefert. Im Dschungel des unübersichtlichen Schubert-Œuvres eine sinnvolle Maßnahme, um sich sogleich in der Edition zurechtzufinden.

Auf naxos.de findet man verschiedene empfehlenswerte digitale und physikalische Bezugsquellen.

Veröffentlicht inAlben vorgestellt

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