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George Enescu – Sinfonie Nr. 2 / Kammersinfonie

Nach Jahrzehnten ENDLICH eine Referenzaufnahme von George Enescus Kammersinfonie op. 33

Eine herausragende CD erschien Mitte des Monats Juni beim finnischen Label Ondine! Wer diese Seiten öfter mal liest, weiß, dass ich ein großer Enescu-Fan bin, der die Musik des rumänischen Komponisten, der sich in keine Schublade einsortieren lässt, in höchstem Maße zu schätzen weiß.

Nichts aber finde ich großartiger, als Enescus Kammersinfonie Op. 33, ein geniales Spätwerk, das der in Rumänien geborene, überwiegend aber in Frankreich praktizierende Geiger und Komponist 1954, nur ein Jahr vor seinem Tod, fertigstellte.
Für mich persönlich ist Enescus Kammersinfonie eine der musikalischen Großtaten des 20. Jahrhunderts und rangiert auf derselben Ebene wie etwa Béla Bartóks Konzert für Orchester oder Igor Strawinskys „L’histoire du Soldat“.
Die Kammersinfonie von George Enescu ist ein schillerndes Werk voller Facetten; die Musik scheint im Sonnenlicht zu irisieren, wie ein bunter Schmetterling. Da sitzt jede Note am rechten Platz, es ist eines jener absolut vollkommenen Werke, die einfach nicht kritikfähig sind, weil sie keinem Maßstab untergeordnet werden können – die Kammersinfonie ist selbst der Maßstab!

Es ist eine Schande und ein Wunder gleichmaßen, dass dieses herrliche Stück nicht bekannter ist. Dementsprechend war und ist auch die verfügbare Palette von Einspielungen der Kammersinfonie leider sehr klein. Und obwohl sich renommierte Dirigenten wie Lawrence Foster an dem Werk versucht haben, gab es bis jetzt noch nie eine völlig zufriedenstellende Einspielung – und ich habe viele gehört!

Ganz überraschend ändert sich das nun mit einer Neuaufnahme des Werks aus Finnland. Auf dem finnischen Ondine-Label legt der inzwischen weithin bekannte Dirigent Hannu Lintu mit dem Philharmonischen Orchester der Stadt Tampere – dem er als GMD vorsteht – eine absolut geniale, ich möchte sagen berauschende Einspielung von Enescus Kammersinfonie vor.

Hier stimmt einfach alles! Nicht nur die musikalische Präzision ist hochgradig beachtlich, sondern auch die „Seele“ des Stücks wurde von den Musikern aus Tampere kongenial heraufbeschworen. Es ist dies die einzige mir bekannte Interpretation, bei der sich sowohl die virtuose Meisterschaft der Musiker (das Stück ist irrsinnig schwierig), als auch die Emotionalität, die diese flirrende, hypnotische Musik einfach dringend benötigt, in optimaler Weise zeigt.
Mein bisheriger Favorit war eine Low-Budget-Einspielung, die einst auf dem Billiglabel Arte Nove erschienen war. Das Philharmonische Orchester der Stadt Bukarest unter der Leitung von Christian Mandeal – einem Karajan-Novizen – lieferte in dieser Einspielung aus den 1990er-Jahren eine emotional hochgradig ergreifende Darbietung ab, die jedoch einige Schwächen aufseiten der Musizierenden hatte und auch klanglich nicht optimal ausbalanciert war.
Ich kann nun glücklich sagen: Die Neuaufnahme aus Tampere kann ich getrost als völlig zufriedenstellende Referenzaufnahme anpreisen.

Nun habe ich aber das eigentliche Hauptwerk dieser CD bislang links liegen gelassen, denn mit einer Spielzeit von über 50 Minuten ist es Enescus zweite Sinfonie, op. 17 aus den Jahren 1912-14, die auf der vorliegenden Novität des Ondine-Labels unzweifelhaft die Hauptrolle spielt.
Dieses Stück stammt aus einer (zumindest mit Blick auf Enescus Komponistenlaufbahn) ganz anderen Ära. Die Sinfonie erweist sich als eine Art Mixtur aus dem Erbe Gustav Mahlers und neuromantischen Strömungen á la Sergej Rachmaninoff. Dabei wirbelt Enescu für den Hörer schwer fassbare kontrapunktische Strukturen durch die Partitur und lässt nur gelegentlich (letztes Viertel des ersten Satzes) auch mal etwas rumänisches Lokalkolorit durchblitzen.
Für all diejenigen, die von Enescu nur die leichtfüßigen „Rumänischen Rhapsodien“ kennen, dürfte die Erfahrung der zweiten Sinfonie ein Schock sein. Sie ist ein wahrlich sperriges Werk, das gelegentlich Gefahr läuft, sich im musikalischen Strippenziehen zu verwickeln.

Beide hier enthaltenen Stücke erfahren unter der erfreulich luziden, durchhörbaren Lesart Hannu Lintus unbestreitbare Referenzeinspielungen!
Und obwohl ich sonst nicht so ein Fan vom Ondine-Sound bin, der für meinen Geschmack häufig etwas zu höhenarm und schwerfällig dahertrampelt, bin ich voller Freude angesichts dessen, was ich hier höre: Glasklare akustische Auflösung paart sich mit optimaler Natürlichkeit des Klangbilds. Lediglich die Räumlichkeit der Aufnahme ist mir persönlich vor allem bei der zweiten Sinfonie etwas zu trocken, während das bei der Kammersinfonie erfreulicherweise sehr viel besser aussieht.

Fazit: Eine CD, die ein absolutes MUSS für Enescu-Anhänger darstellt und mich persönlich wirklich völlig happy macht. Endlich gibt es mal eine makellose Aufnahme der Kammersinfonie. Darauf habe ich etliche Jahre gewartet!

G. Enescu – Sinfonie Nr. 2 / Kammersinfonie
Tampere Philharmonic Orchestra – Hannu Lintu

(2012)  Ondine Katalog-Nr.: ODE 1196-2 / EAN: 0761195119624
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Veröffentlicht inThe-Listener

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