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Early Music Recordings of: Ensemble Unicorn; Vol. 1

Einer der herausragenden Glücksmomente des laufenden Veröffentlichungsjahrs

Alte Musik nicht nur einfach aufzuführen, sondern ganz neu zu interpretieren, zu berücksichtigen, dass sie einst Musik war, die mitten im Leben stand und sowohl alltägliche, weltliche als auch geistliche Ereignisse begleitete – das ist nach wie vor etwas, das nur ganz wenige Alte Musik-Formationen wirklich überzeugend hinbekommen.
Und so gibt es im Prinzip nur eine Handvoll Spezialensembles, die weltweit zu größerer Bekanntheit in diesem Nischenbereich Alter Musik gelangt sind. Allen voran schreitet – durchaus berechtigterweise – sicherlich das Ensemble Hesperion XXI, das bereits 1972 von dem spanischen Gambisten Jordi Savall ins Leben gerufen worden war. Er hat seither sicherlich das größte Publikum in diesem Sektor überzeugen können und wird von Zehntausenden Alte-Musik-Anhängern wegen seiner lebensprallen Interpretationen zurecht hoch gelobt.
Was dabei aber unter den Tisch fällt: Nicht nur Hesperion XXI gehen solcherart Wege, sondern es gibt auch andere – nicht minder überzeugende Ensembles, die es auf ganz ähnliche Art und Weise schaffen, alte, ja, geradezu uralte Musik von ihrer verstaubten Aura zu befreien und sie so unverkrampft und lässig aufzuführen, als wäre das Musik, zu der im Prinzip auch heute noch trefflich tanzen, tafeln, feiern kann – oder aber auch, zu der man sich damals wie heute in innerer Einkehr zurückziehen mag.

Eine der dienstältesten und besten Gruppen dieser Art ist das österreichisch-italienische Ensemble Unicorn. Es steht in seinem Erfindungsreichtum, seiner Begeisterung für das noch Unbekannte, seiner unverkrampften Improvisationsbereitschaft und seiner absolut und jederzeit überzeugenden Spieltechnik niemand etwas nach. Weltweit gehört es seit Anfang der 1990er-Jahre bereits zu den auserwählten Spitzenensembles im Bereich Alte Musik und schafft es, von Mal zu Mal sein Publikum immer wieder in seinen Bann zu schlagen.

Wegweisende Aufnahmeprojekte dieses Ensembles haben nicht nur, aber vor allem auch beim Naxos-Label stattgefunden. Und so kann man es nur begrüßen, dass eben jenes Label nun eine 5-CD-Box herausgibt, die ganz den Aktivitäten des Unicorn-Ensembles gewidmet ist. Und damit nicht genug!
Da diese hervorragende Box mit „Vol. 1“ betitelt ist, kann davon ausgegangen werden, dass wir bald auch mit einem „Vol. 2“ beglückt werden – und das gehört für mich mit zum Aufregendsten, was sich in diesem Jahr auf dem Alte-Musik-Markt so tut.

Das Ensemble Unicorn hat es für über zwanzig Jahren mit jeder neuen CD bewiesen, höchst interessante Programme zusammenstellen zu können. Da wäre zum Beispiel die in meinen Augen nicht weniger als maßstabsetzende CD „On The Way To Bethlehem“, die für mich persönlich seinerzeit wirklich ein Augen- und Ohrenöffner war: Anhand von 15 Musikstücken wurde dort dargestellt, welche Musik den mittelalterlichen Pilger auf seiner beschwerlichen Reise von Europa bis ins „Heilige Land“ begleitet haben könnte. Es wurde deutlich, wie sehr die christliche Pilgermusik – selbst im äußersten Westeuropa auf den britischen Inseln – damals von osteuropäischen, ja, geradezu orientalisch anmutenden Harmonien beeinflusst war. Diese CD steht als größtes Highlight auch der hier vorgestellten Werksammlung bis heute praktisch ohne Beispiel da und sollte in jeder ernstzunehmenden Plattensammlung (und zwar nicht nur in einer Alte-Musik-Sammlung) zum obersten Pflichtprogramm gehören.

Aber auch andere Titel, wie etwa die Veröffentlichung „Music of the Troubadours“, die virtuose Tanzmusik aus der Zeit von Bocaccios „Decamerone“ oder die sagenhaft schöne Zusammenstellung von Pilgerliedern zu Ehren der schwarzen Madonna von Montserrat sind Pioniertaten der Tonträgergeschichte. Jede CD erzählt ihre eigene Story, kommt mit hervorragenden Booklet-Texten und beinhaltet so wunderbare, lebensnahe, zu Herzen gehende Musik, dass man es kaum glauben mag, dass diese Klänge teilweise schon über 600 Jahre alt (!) sind.
Selbstverständlich kann man nicht annehmen, dass diese Stücke seinerzeit genau so geklungen haben, wie es das Ensemble Unicorn in seiner heutigen Art und Weise wiedergibt – aber darauf kommt es auch gar nicht an.

Das Ensemble Unicorn ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie Musikgeschichte wieder zu Musikpraxis wird. Und spätestens wenn man sich dabei ertappt, wie man plötzlich im Alltag über 600 Jahre alte Melodien vor sich hin pfeift, merkt man: Diese Gruppe ist etwas Besonderes. Die machen Musik nicht für verkopfte Eigenbrödler, sondern die machen Musik aus Freude an dem Lebensgefühl, dass diese zeitlos vermitteln kann. Das ist aller Ehren wert!

Und übrigens: Mit ihrem seit Jahr und Tag immer wieder zum Einsatz kommenden Aufnahmeteam Elisabeth und Wolfgang Reithofer haben die Musiker von der Einhorn-Truppe auch von Beginn an kongeniale Partner in Sachen Aufnahmeklang an ihrer Seite gehabt. Manche CDs dieser Box gehören für mich zu den wichtigsten HiFi-CDs, die ich persönlich in meiner mehrere Tausend Titel umfassenden Sammlung habe. So wird es auch heute noch schwerfallen, eine andere Alte-Musik-CD zu finden, die es in Sachen Tontechnik mit der eingangs erwähnten Veröffentlichung „On The Way To Bethlehem“ aufnehmen kann. Also auch in diesem Bereich kann ich mein Lob nicht genug ausschütten.

Fazit: Für den Preis von einer Durchschnitts-CD bekommt man hier gleich fünf serviert. Und die sind alles andere als durchschnittlich! In meinen Augen zählen enige dieser fünf CDs zu den wichtigsten Ereignissen der jüngeren Tonträgergeschichte. Dass eine solche Box erscheint, gehört zu den Glücksmomenten für Sammler Alter Musik, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Early Music Recordings Vol. 1
Ensemble Unicorn

(2012)  Naxos Katalog-Nr.: 8.505230 / EAN: 747313523030

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Veröffentlicht inThe-Listener

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