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Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons: Ludwig van Beethoven – Symphonie Nr. 9

Eine Aufnahme einer Beethoven-Sinfonie ist per se nun wirklich nichts Besonderes mehr, schon gar nicht, wenn es sich um die Neunte handelt, die mit ihrem Schlusschor „Ode an die Freude“ eh zu den überspieltesten Werken der Musikgeschichte gehört. Es mangelt nicht an hochkarätigen Aufnahmen und Weltklasse-Besetzungen. Auch die vorliegende Aufnahme des Chors und Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons reiht sich in eine beeindruckende Reihe von Veröffentlichungen ein. Was sie aus dem Gros der anderen Einspielungen hervorhebt, ist zum einen die höchste Sorgfalt, mit der die Sinfonie bis ins letzte Detail eingespielt wurde (und das ist, trotz ihrer Popularität, immer noch keine Selbstverständlichkeit), zum anderen der Ort, an dem die Live-Aufnahme entstand: die Aula Paolo VI. im Vatikan, anlässlich eines Konzerts zu Ehren Papst Benedikts XVI.

Nun sind solche Auftritte üblicherweise eher festliche Anlässe als denkwürdige Konzerte im musikalischen Sinne. Dass es sich bei diesem Konzert vom 27. Oktober 2007 sehr wohl um einen musikalischen Leckerbissen handelt, wird deutlich, wenn man sich Mariss Jansons kompromisslose Art des Musizierens in Erinnerung ruft. Ein Auftritt vor dem Papst ist ihm (und seinem bayerischen Klangkörper) eher Ansporn für eine besonders sorgfältige Umsetzung, nicht für eine überschwängliche, aber wenig präzise Darbietung.

Anklicken, um Bezugsquellen angezeigt zu bekommenJansons Deutung der Neunten stellt den Gedanken des Humanismus in den Mittelpunkt. Beethoven vermittelt eine Botschaft, eine Message wie es Neudeutsch heißt. Und diese Message ist die Quintessenz der abschließenden „Ode an die Freude“ und lautet „Alle Menschen werden Brüder“. Jansons gestaltet mit dem Symphonieorchester des BR die Musik kraftvoll wie eine Vision, gleichsam anmutig, facettenreich. Er vermeidet das Schroffe, scheut aber nicht vor den elektrisierenden Momenten der Partitur zurück. Sehr schön werden die Nebenthemen ausgeleuchtet (was dank einer hervorragenden Klangregie sehr gut nachvollziehbar ist). Jansons spitzt die Sinfonie dramatisch auf ihr Finale zu. In ihm kulminiert nicht nur die Komposition, sondern die zutiefst humanistische Sehnsucht nach Brüderlichkeit unter den Menschen, nach einem Triumph der Vernunft und der Menschlichkeit. Mit Krassimira Stoyanova (Sopran), Lioba Braun (Alt), Michael Schade (Tenor) und Michael Volle (Bariton) sind hier vier Solisten zu hören, die ihren Part lebendig und geradezu charismatisch, nicht aber egomanisch gestalten. Und hier liegt die große Stärke dieser Aufnahme: Vielen anderen Aufnahmen merkt man die Langeweile der Solisten an. Ob es nun die Anwesenheit des heiligen Vaters war oder das insgesamt prunkvolle Ambiente des Vatikans: Die Solisten veredeln mit ihren Parts das Finale. Dazu kommt der bestens aufgelegte (und bei aller Routine, sorgfältig einstudierte) Chor des BR und das glänzende Symphonieorchester. Das Ergebnis, ein wirklich denkwürdiges Konzert im Vatikan, ist auch aus der Konserve ein bewegender musikalischer Hochgenuss.

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