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Benjamin Schmid · Claire Huangci · Harriet Krijgh · ORF Vienna Radio Symphony Orchestra, Cornelius Meister: Mieczysław Weinberg – Violin Concerto · Dmitri Kabelevsky – Piano Fantasy · Cello Concerto No. 1

Die besonderen Verhältnisse, unter denen Komponisten in der Sowjetunion arbeiteten, prägten eine ganz eigene Klangsprache. Diese hatte vermutlich weniger mit der „fortschrittlichen“ Doktrin des „sozialistischen Realismus“ zu tun als mit der Notwendigkeit, sich zwischen bürokratischer Gängelung und schöpferischer Kraft einen Weg zu bahnen, um zu überleben. Eine Form von Opportunismus oder eine Form von Opposition, je nach Naturell des Komponisten.

Mieczysław Weinberg (1919–1996) litt als gebürtiger Jude (und polnischer Einwanderer) zeitlebens unter der Willkür des stalinistischen Staatsapparats und musste immer wieder um sein (künstlerisches und physisches) Überleben kämpfen. Dmitri Kabalewski (1904–1987) wählte für sich einen anderen Weg: Er biederte sich an, wurde selbst zum Bürokraten und zum lautstarken Kritiker der „formalistischen Tendenzen“ unter den Komponisten. Neben Tichon Chrennikow war er der meistgefürchtete und meistgehasste Funktionär im sowjetischen Komponistenverband. Weinbergs Klangsprache war originell, zerrissen, melancholisch, modern und gleichzeitig griff sie auf die europäische Tradition zurück, Kabalewskis Musik war ein Abbild der von der Partei geforderten Linie: tonal, optimistisch, stellenweise volkstümlich und lyrisch-konservativ. Weinberg und Kabalewski symbolisieren zwei Antipoden innerhalb der russischen Musik ihrer Generation.

Cornelius Meister und das stets vorzügliche ORF Radio-Symphonieorchester Wien haben mit den drei Solisten Claire Huangci (Klavier), Harriet Krijgh (Cello) und Benjamin Schmid (Violine) drei bemerkenswerte Konzerte von Weinberg und Kabalewski aufgenommen, sie gleichsam gegenübergestellt, exemplarisch für den Antagonismus in der sowjetischen Musik unter der stalinistischen Gängelung. Auf der einen Seite ist Weinbergs Konzert für Violine und Orchester op. 67; auf der anderen Seite stehen Kabalewskis Cellokonzert Nr. 1 g-Moll op. 49 und seine Bearbeitung von Schuberts Fantasie in f-Moll für Klavier zu vier Händen D 940 zu einem veritablen Klavierkonzert.

»Apparatschiks und Versorger neoklassizistischer Naivität [sind] vor Kreativität und guten, gefälligen Kompositionen nicht gefeit« kann man im vorzüglichen Booklet-Text von Jens F. Laurson nachlesen. Und tatsächlich: Wundert man sich bei Kabalewskis Schubert-Bearbeitung vielleicht noch über eine etwas zweidimensionale Aufarbeitung der düsteren Schubert-Fantasie in ein romantisch-pathetisch aufgeladenes Kunststückchen – Claire Huangci trifft hier einen angemessenen verspielt romantisierenden Ton – so ist sein Cellokonzert überaus hörenswert. Harriet Krijgh schafft es mit sanglichem Ton den anachronistisch romantischen, aber eben auch ausgesprochen einnehmenden Charakter des Werkes fein herauszuarbeiten. Man würde zwar nicht vermuten, dass das Werk aus dem Jahr 1948 stammt, aber trotz dieses Konservativismus’ kann man sich dem Charme von Kabalewskis Cellokonzert nicht entziehen.

Das kompositorisch und musikalisch anspruchsvollste Werk des Albums ist Weinbergs Violinkonzert. Benjamin Schmid, der Wiener Violinist mit „Heimvorteil“ bei dieser Produktion, spielt das verdichtete, düstere, dramatisch aufgeladene Meisterstück des Schostakowitsch-Freundes (und nicht Epigonen!) mit sensibler Introspektion, Eleganz und ohne falsche Sentimentalität. Seine Beklommenheit, die Resignation, Markenzeichen vieler drangsalierter sowjetischer Musiker jener Epoche, ist authentisch. Ebenso gelingen Schmid die immer wieder aufflackernden sardonischen Virtuosenpassagen ganz vorzüglich, ohne aufgesetzt aufdringlich zu wirken.

Weinbergs Musik erlebt eine Renaissance und erfährt heute die Anerkennung, die sie verdient. Kabalewskis Musik, zu Lebzeiten mit „Staatsgewalt“ popularisiert, bedarf allerdings heute einer erneuten kritischen Beleuchtung. Zwischen all den gewollten und konstruierten Propaganda-Stückchen befinden sich einige zumindest bemerkenswert klangschöne Werke.

Auf naxos.de findet man verschiedene empfehlenswerte digitale und physikalische Bezugsquellen.

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