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Applaus für Amateure: Klassische Musik mit „Community Appeal”

Wie wir Musik hören hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch geändert. Jede zweite Person auf der Strasse hat Ohrhörer eingestöpselt und jeder vorstellbare Song ist als “internet stream” zugänglich. Musik ist fest in unser tägliches Leben eingebunden. Dennoch sind die meisten Menschen weit davon entfernt selber aktiv Musik zu machen.

Mit Ausnahme von Spezialprogrammen beruflicher Musikausbildung gehört es — zumindestens in der westlichen Welt — nicht mehr zur normalen Schulausbildung ein Instrument zu erlernen. Das heisst aber nicht, dass klassische Musiker aussterben. Musikbegeisterte füllen die Sitzreihen etablierter Konzertsäle ebenso wie neuere, alternative Musikveranstaltungsorte. Und obwohl nicht alle beruflich eine Ausbildung am Instrument verfolgen, spielen viele von ihnen eines.

Wer also sind diese leidenschaftlichen Musiker, die mit unterschiedlicher Perfektion ihr Instrument üben, und das, obwohl es keine Konzerthallen gibt, die auf eine Buchung warten und keine Fans, die für Tickets anstehen?

Es handelt sich um Amateure — Musiker, die aus reiner Freude musizieren und das zu einem festen Bestandteil ihres Lebens gemacht haben, trotz Beruf, Karriere oder Familie. In einigen Fällen gehen die Hobbyinstrumentalisten ihrer Übungsroutine mit schon fast religiösem Eifer nach und bringen fast genau soviel Zeit dafür auf, wie professionelle Musiker. Doch als Amateur zu spielen ist etwas völlig anderes, als damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die Schar derer, die als Amateure gelten, ist viel größer und mannigfaltiger als man annehmen sollte und manch ein Musiker wird unfreiwillig Teil davon. Die Konkurrenz in der professionellen Darbietung ist sehr groß und selbst ein Studienabschluss sowie ein beindruckendes Repertoire an Fähigkeiten bieten keineswegs die Garantie, die es erlauben würde, bald den Job, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdient, an den Nagel zu hängen. Solange man die Leidenschaft nicht in eine berufliche Karriere umgemünzt hat, solange ist man — ob man es will oder nicht — ein Amateur.

Nicht, dass der Titel abschätzige Gefühle wachrufen soll, mit denen manche ihn auch in Verbindung bringen. Denn im Gegensatz zum Dilettanten mag der Amateur zwar ein Anfänger sein — er muss es aber nicht sein. Und ob auf dem Weg zur beruflichen Karriere oder nicht, einige Amateure sind sehr begabte Musiker. Was es bedeutet ein Amateur zu sein, ist genau das, worauf die lateinischen Wurzeln des Wortes hindeuten, die Liebe dafür.

Diese unentgeltliche Liebe bedeutet die Freiheit eines Lebens ohne Abgabefristen oder ohne die Notwendigkeit, ein Repertoire auswendig lernen zu müssen. Für einige bedeutet diese Liebe ebenfalls die Entwicklung einer ernsthaften Einstellung gegenüber dem gewählten Instrument, d.h. sich einen Wettbewerbsvorteil und, wenn es geht, Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Was Aufritte anbelangt, sehen sich Amateure mit den selben mentalen Herausforderungen konfrontiert: Lampenfieber, Selbstzweifel und feuchte Hände, wie bei den Berufsmusikern — nur ohne Bezahlung.

Ein Dokumentarfilm über den Van Cliburn Amateur-Wettbewerb, als einer solchen Sprungschanze für Amateurmusiker, zeigte einige der Wettbewerbsteilnehmer, wie sie ein paar der Hürden nahmen. Was dabei sichtbar wurde war, dass es nicht in erster Linie darum ging, möglichst weit vorn anzukommen, sondern das es sich um eine individuelle Geschichte persönlicher Reifung , der selbstkritischen Reflexion und den gemeinsamen Erfahrungen eines jeden Telnehmers handelte.

Und wie bei jeder Form des Glück, ist es so viel inspirierender Musik zu machen, wenn man es mit anderen teilen kann. Das habe ich vor vielen Jahren erfahren, als ich in die Abendabteilung der Julliard School eintrat.

Julliard bietet mit dem Lincoln Center als Auftrittsmittelpunkt in der New Yorker Upper Westside eine Umgebung, welche Studenten, ob jung oder alt, aus aller Welt anzieht.

Vom neu renovierten Eingang an der West 65th Street, dem Tor zu den höchsten Etagen des musikalischen Himmels, führt eine steile imposante Treppe, die meines Erachtens nur von Teenagern und dem gelegentichen Besucher, der sich verirrt hat, benutzt wird. Alle anderen nehmen vielmehr den Fahrstuhl um die Ecke. Aber egal auf welchem Weg man dort auch ankommt, die Julliard Türschwelle zu überschreiten kann sicherlich eine einschüchternde Erfahrung sein.

Nach dem Besuch von Seminaren und Übungsräumen, hatte ich dort viele der Wächter mit Vornamen kennengelernt, was mir half, diese anfängliche Schwelle zu überwinden. Niemand ist so nett wie Paul, dessen karibische Freundlichkeit sein Gesicht aufleuchten lässt, wenn er sich aus seinem Stuhl hinter dem Rezeptionstisch erhebt, sobald er mich sieht, um mich mit einer großherzigen Umarmung zu begrüßen. Einmal hatte ich draußen gestanden und gewartet, bis das Haus geöffnet wird, als mich Paul fragte, welches Instrument ich lerne. Wie redeten über das Klavierspielen, als er mit seinem Kompliment “das hält Sie mit Sicherheit jung” den Nerv eines jeden Amateurs traf.

Im Jahre 1970 stellte Stanley Wolfe, der Direktor der Abendabteilung, die damals neu gegründet, noch unter dem Namen “Außenabteilung” lief, als erste Klavierlehrerin Lisa Kovalik ein. Lisa, die heute meine Dozentin ist, feiert hier gerade ihr vierzigjähriges Dienstjubiläum. Heute bietet die Abendabteilung ein vielseitiges Unterrichtsangebot mit Klassen, die sich vom Bereich der Musikgeschichte über Musiktheorie und dem “Vomblattspielen” bis zum Ensembleauftritt erstrecken; alle Fächer werden von einer Vielzahl von Lehrern unterrichtet.

Der Kurs, in dem ich Lisa kennenlernte, eine Klavierübungsklasse für Fortgeschrittene, trifft sich einmal in der Woche. Lisa bereichert ihr Curriculum oft mit lebhaften Geschichten aus ihrer eignen, klavierträchtigen Vergangenheit. Von Zeit zu Zeit nennt sie den Namen der Franz Liszt Akademie in Budapest, wo sie aufwuchs. Dort, der Wiege des Klaviertrainings, fand — als zusätzliche Herausforderung — das Auswendiglernen über dem Schreibtisch und nicht über der Tastatur statt. Mit ihren Geschichten über ihren Lehrer Lejos Hernadi, seinerseits selber ein Schüler von Schnabel, bringt Lisa eine historische Dimension in unsere allwöchentliche Klasse ein. Nach ihrem Studium bei Hernadi, verließ sie das kommunistische Ungarn. Mit wenig mehr als einem Künstler-Diplom ausgestattet, kam sie via Kanada nach New York und erlangte — beim  Lehrerkolleg (Teacher’s College) der Columbia University und der Julliard School ihren “Master” Abschluß.

Ab und zu hören wir etwas über die berühmte Julliard Lehrerin Adele Marcus, also einem anderen “historischen” Bezug zu großer Klaviervergangenheit. Aber noch leidenschaftlicher nennt sie Lili Kraus, einer ihrer geliebtesten und größten Inspirationen. Lisa ist oft mit dieser berühmten Musikerin aufgetreten, an die sie folgende Erinnerungen hat: “Lili nahm keine Abkürzungen, sie mochte es, musikalische Diskussionen auszuweiten und so konnten die ersten drei Takte einer Schubert Sonate drei Stunden dauern. Aber es handelte sich dann um faszinierende und einen tiefen Einblick gebende drei Stunden.” Lisa bewunderte Lili Kraus, das wurde uns durch die vielen Geschichten über Lilis beindruckende Konzertkostüme ebenso klar wie durch durch Lisas Namenswahl für ihre geliebte Katze Lili.

Lisas Studenten aller unterschiedlicher Unterrichtsstufen kommen Jahr für Jahr zu ihr zurück. Sie wird für ihre natürliche Technik und großartige Musikalität, für ihren praktischen Rat und ihr Performance-Feedback bewundert. Aber am meisten wird Lisa für ihre Gütigkeit und ihre fortlaufenden Bemühungen geliebt, andere Studenten zu inspirieren, um die höchstmöglichen Leistungen zu erzielen. “Die Studenten in der Abendabteilung sind normalerweise sehr motiviert und möchten etwas lernen,” sagt sie. “Es gibt eine Gewissheit: wenn wir uns nicht das Ziel setzen, die Besten der Besten zu sein, was immer das auch genau sein mag, dann geben wir das Verlangen auf, das Unmögliche zu erreichen. Die Erfüllung Musiker zu sein, ist viel zu groß, als das man sich jemals ohne Hoffnung fühlt, selbst wenn sich unsere ursprünglichen Ziele ändern.”

Unsere Gruppe innerhalb der Abendabteilung hat sich, seitdem wir Lisas Klasse besuchen, im Zeitraum von mehreren Jahren kaum verändert. Wir kennen uns gut und mögen einander. Jeder von uns spielt auf völlig unterschiedliche Weise, aber jeder von uns wird von der Gruppe geschätzt.

Obwohl wir Ambitionen haben, fühlen wir uns nicht im Wettstreit miteinander, vielmehr bestärken wir uns gegenseitig in unseren Fortschritten. Es ist nicht immer eine einfache Aufgabe vor einer Gruppe zu sitzen und ein Repertoire zu spielen, an dem man schon lange gearbeitet hat. Viele der aufgegebenen Stücke werden Woche für Woche wieder durchgegangen. Manchmal gibt es Fortschritte und manchmal nicht. Lisa ist geduldig und meistens ermutigend. “Viele schöne Sachen,” das ist nicht mein Lieblingskommentar Lisas, da ich detailliertere Kritik vorziehe. Noch schlimmer ist, was ich viel zu oft höre: “Sie versuchen sich wieder am Martha Argerich Ansatz — aber ohne die die dahintersteckende Technik.” Oder ganz einfach der deutsche Ausdruck, den Lisa und ich beide gut verstehen: “Schlamperei” — Ungenauigkeit, Durcheinander! Aber obwohl sie mir gelegentlich die Richtung weist, weiss ich inzwischen, dass sie mich, Martha Argerich und andere mag.

Lisa muss oft das Unterrichten von uns als einen Dorn im Auge gefühlt haben, uns statt wirkliche Argerich Kandidtaten zu lehren. In einer durch Wettbewerb gezeichneten Umgebung, wie sie es bei Julliard gibt, ist es die Aufgabe von Lehrern, Genies zu unterrichten. Sie gab einmal zu, dass der Rest der Fakultät immer eine etwas  hochmütige Haltung genüber der Abendabteilung gehabt hat.

Aber Lisa erkennt auch das darinliegende Glück: “Ich schätze mich glücklich an der Abendabteilung zu arbeiten, “ sagt sie. Das Niveau der Amateure wird zunehmend höher und in dem hart erarbeiteten Erfolg einiger meiner sehr charismatischen Studenten liegt sicherlich sehr viel Charme und Erfüllung.

Lisas Klavierabende am Endes des Semesters stellen den Höhepunkt in unserem heimlichen Leben als Pianisten dar. Normalerweise gehen wir anschliessend als Gruppe zum Abendessen aus. Nachdem wir unsere eigenen Bemühungen, wie auch die der anderen, durchgestanden haben, was beinhaltet Fehler zu machen und manchmal sich nicht richtig auf die Musik konzentrieren zu können, fühlen wir uns miteinader eng verbunden. Jeder schätzt auch einen anderen Aspekt. Die Tatsache, das wir uns so gut miteinander vestehen,“ meint Christine; “Vertrautheit, da wir seit Jahren zusammen sind,” sagt Lisa; “sich am Guten zusammen mit dem weniger Guten erfreuen. Wir versuchen unser persönlich Bestes und freuen uns über den Erfolg des anderen,” meint Ina. “Es ist, als spiele man ebenfalls das Repertoire des anderen.” sagt Ann und Terry kommt zu folgendem Schluß: “Jeder ist so musikalisch und wir teilen miteinander eine Welt der Schönheit. Es gibt unserem Leben eine andere Dimension.”

Jeder Auftritt bedeutet an Größe zu gewinnen, wie auch ein besseresVerständnis von sich selbst zubekommen. Natürlich beinhaltet der Auftritt für jeden von uns unterschiedliche persönliche Gedanken, aber wir alle teilen die Inspiration und die Herausforderung.

Es ist die Erfahrung des Auftritts selber, die jeden Studenten zum Auftrittskünstler macht, zumindestens für den jeweiligen Moment, und obwohl kein Lebensunterhalt davon abängt, ist der Adrenalinausstoß ebenso mächtig. Es erscheint fast, als ob es für den Amateur eine sogar noch größere Prüfung ist, die eigene Befangenheit zu überwinden als für den gestandenen Berufsauftrittskünstler.

Zusätzlich zu den kleineren Auftritten wie unseren Klavierabenden am Ende des Jahres gibt es eine Vielzahl von nationalen und internationalen Wettbewerben, an denen Amateure teilnehmen können, wie der Van Cliburn Wettbewerb für Amateure. Ein anderer Student in Lisas Klasse, der beruflich als Augenarzt tätige Lou Delaveris, erzählte mir einmal von mehreren Wettbewerben, an denen er teilgenommen hatte. Nachdem er fast fünf Jahre lang in fast jedem amerikanischen Wettbewerb versucht hatte, aufgestellt zu werden, gelang es ihm schließich im Jahre 2006 an einem internationalen in Paris teilzunehmen. Sein Durchhaltevermögen führte zu einem Klavierabend an der Sorbonne, der im französischen öffentlichen Radio im Jahre 2007 übertragen wurde.

“Ich erreichte letztlich das Halbfinale in Berlin und schließlich im Jahre 2009 schaffte ich es, an der Endausscheidung in Wien teilzunehmen,” erklärt er mir auf seine sympathische und ruhige Art. “Die gleichen Personen tauchen auf den meisten Wettbewerben auf und ich traf einige wirklich nette Leute, die meisten von ihnen waren sehr unterstützend. Jeder kennt jeden — wir sind eine große Familie. Ich erhalte andauernd e-mails, in denen ich über unterschiedliche Wettbewerbe unterrichtet werde, und die ich als Chance  sehe, ein neues Repertoire zu spielen und mich andauernd zu verbessern. Es gibt eine New Yorker Amateur Organisation und Treffen, die jeden Monat in den Wohnungen der Teilnehmer stattfinden, wo wir für uns spielen. In der Tat, es wird eines in meinem Haus geben,” sagt er mir und lädt mich freundlicherweise ein dazuzukommen.

Lehrer von Ausbildungseinrichtungen im ganzen Land sind daran beteiligt, Veranstaltungsorte zu organisieren, an denen Amateure auftreten können. Selbst Berufsorganisationen wie Anwalts- und medizinische Vereinigungen erkennen in ihrer Mitte musikalische Talente und organisieren Konzerte.

Die virenmäßige Ausbreitung sozialer Vernetzung, wie sie die Internetkultur bietet, hilft der weiteren Explosion von Amateurengemeinschaften, die miteinander in Verbindung stehen und die in der Vielzahl ihrer kreativen Ideen gewaltig sind. Es gibt Facebook Gruppen, mit Namen wie Late Starter Musician, Dilettante, Piano Salon, und andere, welche musikalische Interessen fördern und Amateure ansprechen oder die von Amateuren organisiert sind und sowohl Berufsmusiker als auch Amatuere als Zielgruppe haben. In jüngster Zeit haben sich durch das Internet organisierte “meet-up” Gruppen aller Art gebildet, die Konzertausflüge and Zusammenkünfte organisieren und sich des Vorteils von Gruppennachlässen erfreuen.

Viele von ihnen sind Amateure, die an verschiedenen Lebensstationen eine musikalische Berufsausbildung hinter sich gelassen haben oder zu einem späterem Zeitpunkt in ihrem Leben Musik fanden und nun ihr Interesse und ihre Verbindung zur Welt der Musik erneuern möchten. Obwohl der Übungsraum oft zur Erfüllung wird, kann man dabei aber auch einsam sein; es ist sicherlich schön zu wissen, dass es andere gibt, die diesen Enthusiasmus teilen.

Veröffentlicht inGrenzüberschreitend

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