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„All Shall Be Well“

Jeder von uns kennt das: Musik beeinflusst die psychische Stimmungslage. Daher ist es umso erstaunlicher, dass die Musik, die das Trauern begleiten soll – also einen der eindrücklichsten Wesenszustände des Menschen – in der Publikumswahrnehmung solch ein Schattendasein führt.
Erst, wer selbst in Trauer, zum Beispiel über den Tod eines geliebten Menschen, verfällt, wird nach Reflexionsmitteln suchen, um die schwere Zeit durchstehen und verarbeiten zu können. Ein solches Mittel kann Musik sein.

Aus diesem Grund kann ich es nur als Volltreffer bezeichnen, was unlängst als CD-Neuerscheinung auf dem Naxos-Label veröffentlicht wurde. Die neue CD des renommierten Chors „Exultate Singers“ steht unter dem Motto „All Shall Be Well“. Es ist eine Ansammlung von Trauermusik neun verschiedener Komponisten: Roxanna Panufnik, Gustav Holst, Ralph Vaughan Williams, Sergej Rachmaninoff, John Tavener, Henryk Górecki, Jaakko Mäntyjarvi, Pierre Villette und Knut Nystedt.
Ebenso, wie der Bekanntheitsgrad der vorgestellten Komponisten schwankt, ist auch die Qualität der dargebotenen Musik eher divers. Das soll jedoch nicht heißen, dass nur die bekannten Namen auf dieser CD Großes zu bieten hätten. So gehört etwa das Stück „O magnum mysterium“ von Jaakko Mäntyjarvi (*1963) fraglos zu den Highlights dieser CD-Neuheit.
Vaughan Williams-Anhänger werden sich über eine exzellente Darbietung des beliebten Chorstücks „Valiant-for-Truth“ freuen können, „Svyati“ von John Tavener erfährt von den Exultate Singers gar eine Referenzeinspielung, die das etwa elfminütige Stück zu dem eindrucksvollsten auf der CD werden lässt. Dies ist auch einer hervorragend gespielten Cellopartie von Richard May geschuldet. May spielt übrigens auch bei dem titelgebenden Stück „All Shall Be Well“ von Roxanna Panufnik und bei dem längsten und auch modernsten Werk im Programm, „Stabat Mater“ von dem Norweger Knut Nystedt, mit.

Die Exultate Singers unter der bewährten Leitung von David Ogden festigen ihren Ruf als eines von Großbritanniens besten Vokalensembles. In meinen Augen ist es ein (negatives) Wunder, dass dieser erstklassige Chor noch nicht häufiger auf CD verewigt worden ist. Hoffentlich ist dieses Chordebüt auf dem Naxos-Label der Auftakt zu einer längerfristigen Zusammenarbeit! Von diesem Chor würde ich mir mehr wünschen.

Ob das Motto der Platte allerdings so aufgeht, lasse ich mal dahingestellt. Fast ausschließlich aus dem 20. und 21. Jahrhundert stammen die vorgestellten Stücke. Sie sind zumindest zum Teil sehr anspruchsvoll, sodass diese CD kein leicht verdauliches „Trostpflaster“ für jedermann sein dürfte. Das über Strecken sogar ziemlich depressiv tönende „Stabat Mater“ von Knut Nystedt kann als Abschluss der CD durchaus als ein „dunkles Loch“ wahrgenommen werden, dass zum Ende des Programms lauert und nicht gerade einen Hoffnungsschimmer darstellt, den sich Trostsuchende aber doch wohl erhoffen, wenn sie eine CD mit Trauermusik erwerben.

Von der musikalischen Seite her betrachtet ist „All Shall Be Well“ aber eine erstklassig dargebotene CD mit zum Teil hoch interessanten Stücken, die auch einmal zeigt, wie viel gute Chormusik auch heute noch komponiert wird. Die Klanggestaltung von Tonmeister Colin Rae ist ebenfalls hervorragend und lang nicht so „kathedralig“, wie manch andere Tontechniker eine solche CD angelegt hätten. Das verdient Respekt und kann uneingeschränkt als HiFi-tauglich bezeichnet werden.

All Shall Be Well
Exultate Singers, D. Ogden

(2012) Naxos ArtNr.: 8.572760 / EAN: 747313276073

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Veröffentlicht inThe-Listener

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