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Alfred Schnittke – Violinsonaten (Gesamtaufnahme)

8.570978Das letzte Kompositionsgenie des 20. Jahrhunderts in einer Referenzaufnahme

Es gibt Musik, bei der man das Gefühl hat, in Abgründe zu schauen – seelische Abgründe zum Beispiel. Wer würde nicht erschauern, angesichts der „Geistervariationen über den letzten Gedanken“ von Robert Schumann, des achten Streichquartetts von Dmitri Schostakowitsch oder der „Appassionata“ von Ludwig van Beethoven!? Selbst bei den sogenannten „großen“ Komponisten sind es Werke von Ausnahmecharakter, die Menschen überall auf der Welt so berühren, dass das Publikum hingerissen immer wieder in die Konzertsäle und Plattenläden dieser Welt läuft, um sich dem Abgrund erneut hinzugeben.

Unter diesen ganz großen Komponisten muss zweifellos auch der Wolgadeutsche Alfred Schnittke (1934-1998) genannt werden. David Geringas sagte beispielsweise von Schnittkes „Epilog“ aus dem Ballett „Peer Gynt“ für Cello, Klavier und Tonband, dass es das beste Stück für Cello und Klavier seit Beethovens Cellosonaten sei – und das bedeutet: Alleroberste Kategorie!

Es nimmt daher kaum Wunder, dass sich immer wieder berühmte Virtuosen darum gerissen haben, die Uraufführungen von Schnittkes Werken spielen zu dürfen oder gar die Widmung zu einem Stück zu erhaschen. Während zum Beispiel der oben angesprochene „Epilog“ von Mstislav Rostropowitsch uraufgeführt wurde, entstanden die hier vom Naxos-Label in einer Neueinspielung vorgelegten drei (bzw. vier) Violinsonaten im Umfeld von so großen Geigern wie Gidon Kremer und Mark Lubotsky.

Es ist also ein großes „Erbe“, das die Ausführenden auf der vorliegenden CD antreten. Die beiden, die dieses Wagnis eingehen sind Carolyn Huebl, normalerweise Violinistin des Blakemore Trios (und nicht etwa des „Blake“ Trios, wie Naxos in seinem Beiheft fälschlicherweise angibt), und Mark Wait, seines Zeichens Dekan und Professor der „Blair School of Music“ an der Vanderbilt University in Nashville. Während Wait bereits als Solist im Rahmen der fantastischen Reihe von Strawinsky-Aufnahmen unter dem Dirigat von Robert Craft bei Naxos hervorgetreten ist, ist Carolyn Huebl bislang noch nicht auf CDs des Labels aufgetaucht.

Doch das macht nichts, denn die vorliegende Einspielung spricht für sich selbst. Ich könnte mir eigentlich nicht vorstellen, wie man die drei vollkommen unterschiedlichen Violinsonaten Schnittkes besser interpretieren sollte, als Huebl und Wait es hier tun. Carolyn Huebl ist dem immensen Schwierigkeitsgrad der Stücke zu jeder Zeit gewachsen und meistert selbst die schwierigsten Intonationsherausforderungen, so etwa die haarsträubend schwierigen Glissandi in Schnittkes zweiter Sonate (und das auch noch im „Pianissimo“) oder die irrwitzig hohen Flageolett-Töne im Largo von Schnittkes erster Sonate. Auch die irritierenden, langen Pausen der zweiten Violinsonate oder die wahrscheinlich unglaublich schwer zu spielenden langsamen Glissandi im ersten Satz von Schnittkes dritter Sonate können Huebl nicht schocken. Wait hingegen spielt absolut rhythmussicher und schlichtweg perfekt, mit einem verhältnismäßig weichen Anschlag, der aber bei den Schnittke-typischen Cluster-Attacken in komplette Unbarmherzigkeit umschlagen kann — wenn es denn sein muss.

Angesichts der Tatsache, dass es zur Zeit außer der hier vorliegenden keine weitere Gesamteinspielung von Schnittkes Violinsonaten am Markt gibt, kann man sich nur freuen, dass es zum bekannt günstigen Naxos-Preis nun eine so wundervolle CD gibt, der man in der Tat die größtmögliche Verbreitung wünscht. Schnittkes Sonaten nämlich sind eben jene Stücke, in denen sich die Abgründe auftun, die man von den größten Werken der Musik kennt. Schnittke, der, geplagt von mehreren Schlaganfällen, die letzten acht Jahre seines Lebens (1990-1998) als Kompositionsprofessor in Hamburg verbrachte, war wahrhaft ein Genie – vielleicht der letzte wahrhaft geniale Komponist des 20. Jahrhunderts, hoffentlich aber nicht der letzte geniale Komponist überhaupt… auch wenn sich ein kongenialer „Nachfolger“ zurzeit wahrlich nicht ausmachen lässt.

Die Werke auf dieser neuen CD stammen aus den Jahren 1955 (Naxos hatte den Weitblick, auch eine unnummerierte, frühe Sonate mit ins Programm aufzunehmen), 1963, 1968 und 1994. Man findet hier also Schnittke in unterschiedlichen Phasen seines Komponistenlebens. Die Stücke sind, wie erwähnt, grundlegend verschieden. Das macht es auch für Schnittke-Neueinsteiger interessant, sich mit dieser CD zu beschäftigen, da man hier die gesamte Spannbreite der Tonsprache dieses Komponisten einmal beispielhaft vorgeführt bekommt.

Zum Schluss, wie immer, noch ein paar Sätze zum CD-Sound: Auch dieser könnte kaum besser sein. Der Aufnahmeklang ist zwar an der Grenze zu dem, was ich als „staubtrocken“ bezeichnen würde, doch das kommt Schnittkes Musik eher entgegen, weil diese oft sehr dicht gesetzt ist und sowieso nach einer makellosen Durchhörbarkeit geradezu „schreit“. Tonmeister Bill Siegmund hat gerade genug Hall zugelassen, um eine Räumlichkeit erahnen zu können, in der – wenn man überhaupt etwas an dieser sehr sehr gut aufgenommenen CD aussetzen möchte – lediglich das Klavier ein winziges bisschen „halliger“ wirkt als die Violine, was manchmal zu dem Eindruck führt, dass beide Musiker sich nicht im selben Raum befinden würden. Doch dieser Eindruck drängt sich absolut nicht auf, sondern bedarf im Gegenteil genauen Hinhörens.

Für meine Begriffe ist diese Gesamtaufnahme sowohl interpretatorisch als auch klanglich eine glasklare Höchstwertung und somit eine von www.the-listener.de wärmstens empfohlene Referenzaufnahme. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese fabelhafte Aufnahme in näherer Zukunft in Gefahr gerät, von unserem Referenzthron gestoßen zu werden. Dazu spielen Huebl und Wait einfach zu gut!

A. Schnittke – Violinsonaten (Gesamtaufn.)
Carolyn Huebl & Mark Wait(2011) Naxos Best.-Nr.: 8.570978 / EAN: 747313097876

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Veröffentlicht inThe-Listener

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