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Alexander Fiterstein: Der Rundum-Klarinettist

Klarinettist Alexander Fiterstein

An einem beliebten New Yorker Treffpunkt, im Gespräch versunken mit dem sehr sympathischen Fiterstein, habe ich mehr über das KlarinettenRepertoire erfahren, als ich je wusste.

“Die Klarinette ist das letzte der Holzblas-Instrumente, die im Orchester aufgenommen wurden, erläutert der renommierte Klarinettist und Empfänger des ‘Avery Fisher Career Grant’ im Jahre 2009, der seitdem von der Presse in einzigartiger Einstimmigkeit hoch gelobt wird.

„Mozarts Klarinetten-Konzert K 622, das aus seiner späteren Schaffenszeit stammt, öffnet den Blick auf dieses Instrument innerhalb des klassischen Repertoires; vor diesem Stück kam die Klarinette in Mozarts intimeren Kammermusikwerken vor, wie dem Kegelstatt Trio K498 statt in seinen größeren Werken, wie einem Konzert. Mozart benutzt die Klarinette ebenfalls an prominenter Stelle in seinen Bläserserenaden, erklärt Fiterstein.

Ich wurde darauf hin neugierig, mehr über den historischen Hintergrund der Klarinette zu erfahren und begann es nachzulesen. Nach Angaben der Herausgeber von ‘Floricor Editions’, einem Verlagshaus, das sich auf Rohrblatt-Blasinstrument Repertoire spezialisiert, wurde die ungewöhnliche Kombination von Instrumenten des Trios, das üblicherweise für Violine, Cello und Klavier komponiert wurde, vielleicht von Mozarts Fable für das Instrument angeregt durch seinen Wiener Freund, den Klarinettisten Anton Stadler. Er war ein geübter und begabter Spieler von ‘Harmoniemusik’, einem Genre, das aus Arrangements für ein paar Oboen (oder Klarinetten), einem Fagott oder zweien und zwei Hörnerns bestand, die dafür geeignet waren, während stattlicher Abendessen und Jagdgesellschaften und ähnlichem zu unterhalten. Die modischste wurde die Partita, eine Suite bestehend aus drei bis acht kurzen Sätzen, die von sehr bescheidenen Kompositionen bis zu den sechs  Symphonien von J.C. Bach oder den Serenaden K.251-253 von Mozart reichen.”

Fiterstein spielt natürlich jegliche Klarinettenmusik. Carl Maria von Webers Klarinetten Konzert Nr.1, geschrieben im Jahre 1811, sticht innerhalb des Repertoire des Instruments als Juwel heraus. Es wurde von Heinrich Baermann, einem deutschen Virtuosen-Klarinettisten inspiriert, der großen Einfluss auf das romantische Klarinetten Repertoire hatte und dem dieses Stück gewidmet ist. Viele Komponisten, die zu dieser Zeit für die Klarinette schrieben, hatten ihn dabei im Sinn; zahlreiche Werke von Webern, Felix Mendelsohn und Giacomo Meyerbeer ragen unter den Stücken dieser Zeit hervor. Mendelssohns Konzertstücke (Concert Pieces), Opus. 113 und 114 wurden für Baermann und seinen Sohn, Carl geschrieben, um sie zusammenzuspielen.

“Es scheint, sobald ein Komponist die Klarinette verstanden hatte, konnten sie nicht mehr die Finger davon lassen” sagt Fiterstein begeistert; wie so oft scheint Musikgeschichte plötzlich sehr persönlich!

“Innerhalb der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts waren besonders Debussy, aber auch Messaien und Copland für die Klarinette besonders massgeblich und Jazz Einflüsse werden zunehmend sichtbar und es ist hier, wo unabhängig von der Klassischen Literatur die Jazz Improvisationen ihren Anfang nehmen,” erklärt Fiterstein.

Technisch gesehen, im Laufe des 19. Jahrhunderts, spaltete sich die Welt der Klarinette in einen deutschen /österreichischen und den französischen Sektor. Jede entwickelte sich mit einem unterschiedlichen Fingersatzsystem und einer unterschiedlichen Kombination von Verschluss und Ringpositionen.  Der Körper des deutschen Instruments ist ein bißchen schlanker. Offenbar sind die Instrumente und die Spielmethoden so unterschiedlich, dass ein französischer Klarinettenspieler (was besagt ein jeglicher Klarinettenspieler außer den Deutschen und Österreichischen) nicht einfach eine deutsche/österreichische Klarinette nehmen und spielen kann.

Schon im Alter von acht Jahren war Fiterstein von diesem Instrument fasziniert, das nach seiner Auffassung das Vielseitigste und das dem Spieler auf Engste vebundenste ist: “Es gibt wie bei anderen Blasinstrumenten durch die eigene Atmung eine starke physische Beziehung zu dem Instrument. Alles passiert auf sehr direkte Weise. Die Klangvorstellung and dann die Übertragung durch das Atmen; man kann ein recht großes Klangvolumen erreichen, aber dieses kann auch super weich sein. Man muss jede Note verstehen und sehen, wie sie zu allem anderem in einem bestimmten Stück passt, um wirklich gut zu spielen,” erklärt Fiterstein.

Seine Expertise innerhalb der Breite des Klarinettenrepertoires ist unermesslich: Das Repertoire ist eigentlich viel größer als man denkt, ich kannte nicht die Hälfte dessen, was es gibt und die Stile und Stimmungen sind endlos variiert.”

Seine neue Aufnahme von Sean Hickeys Clarinet Concerto dem amerikanischen Komponisten zusammen mit dem Hickey Cello Konzert,

gespielt von Dmitry Kouzov, wurde gerade am 28. Mai vom Delos Label herausgegeben. In St. Petersburg mit der ‘St.Petersburger Staatssymphonie’ unter der Leitung von Vladimir Lande aufgenommen, markiert dieses Stück Fitersteins letzten Besuch ins zeitgenössische Gebiet, in dem er sich ebenso zuhause fühlt wie im Vergleich zum klassischen Repertoire:
„Es ist ein schönes und geistreiches Stück, das die lyrischen Qualitäten der Klarinette im Dialog mit der Violine herausstellt,” sagt Fiterstein über Hickeys Werk, als er dessen Erstaufnahme für ein ganzes Orchester beschreibt.

Die Veranstaltung war für Fiterstein das erste Konzert und die erste Aufnahme in Russland. Hickey und Fiterstein verbrachten recht viel freie Zeit zusammen, durchliefen als Touristen die Eremitage, waren beim Abendessen miteinander beisammen im eleganten Hotel Europa, das gegenüber der Strasse lag, an der ihr Konzert stattfand. Beide, Komponist und Solist, beschreiben ihre Erfahrung als extrem angenehm, trotz des Mangels ausreichender Beheizung im Melodyia Aufnahme Studio, dass sich in einer kleinen Kirche befindet; Fiterstein erinnert sich daran, dass einige der Musiker ihre Mäntel während des Spielens anbehielten.

Im Jahre 2001 gewann Fiterstein in Dänemark den Carl Nielsen Wettbewerb mit einer Aufführung von Carl Nielsens “Konzert für Klarinette und Orchester,” Opus. 57 und er spielte das Konzert erneut in der letzten Saison mit dem ‘St.Paul Chamber Orchestra’ unter der Leitung von von Thomas Dausgaard. Nächstes Jahr wird Fiterstein das Konzert mit Isaac Sterns Sohn, dem Dirigenten Michael Stern, zurückbringen, der mit dem ‘Iris Orchestra’ in Memphis, Tennessee spielen wird.

Diesen Sommer wird Fiterstein, der auch an der Universität Minnesota unterrichtet, einige Zeit mit dem Mozart Klarinetten-Quartetten beim Toronto Sommer Musik Festival verbringen und mit dem ‘Pacifica Quartet’ auftreten.

 

Fiterstein wuchs auf mit Musik, die von Beethoven bis zu Jazz und Klezmer reichte und wichtig war  vorallem immer viel Freude beim Music machen. Als er die Klarinette zu spielen begann, wurde er oft von seinem Vater auf dem Akkordeon im Wohnzimmer der Familie zuhause in Israel begleitet. Später erlaubte ihm sein klassisches Training bei Juilliard und dem ‘Marlboro Chamber Music Festival’, das anfänglich durch eine AICF Sponsorship gefördert wurde, seine außerordentlich erfolgreiche Karriere in den USA und in Übersee zu verfolgen.

Im Jahre 2002 wurde Fiterstein mit der Musik von Iswaldo Goligov, dem jüdisch argentinischen Gastkomponisten beim ‘Marlboro Chamber Music Festival’, das Fiterstein besuchte, vertraut. Viele Jahre später griff Fiterstein sein “die Träume und Gebete von Isaak dem Blinden” auf, das unter einem starken Klezmer Einfluss geschrieben worden war und Fiterstein begann sich anderer jüdischer ethnischer Musik zu nähern, wo sich unterschiedliche Stile, wie in den zeitgenössichen ethnischen Kompositionen von Ronn Yedidia, zusammenfanden. Im Jahre 2011 nahm Fiterstein Werke von Yedidia mit dem Komponisten für das Naxos Label auf, was im März 2012 veröffentlicht wurde.

Die Musikszene der Neunziger Jahre, besonders in New York, hob die Klarinette innerhalb verschiedener parallel laufender Trends jüdischer künstlerischer Musik hervor. Komponisten, wie André Hajdu (gen. 1932), Osvaldo Golijov (geb. 1960), Robert Starer (1924–2002) und Ofer Ben-Amots (geb. 1955) experimentierten mit neuen Improvisationen, die vom Klezmer Stil inspiriert wurden.

Die Wurzeln dieser Werke gehen auf die sogenannte “St.Petersburger Schule” der Wende zum 20. Jahrhundert zurück, die zu einer Form jüdischen nationalen Hervortretens wurde, was vom Zionismus hervorgebracht wurde. Durch diese Bewegung zielten etliche Schüler des Komponisten Rimsky-Korsakov darauf ab, basierend auf traditioneller Klezmer-, Volks- und kantoraler Musik Materialien neue Ausdrucksmöglichkeiten ihrer jüdischen Identität zu finden.

Das Zimro Ensemble, ein im Jahr 1919 gegründetes Sextett, das aus Klarinette, Klavier und einem Streichquartett bestand, konzentrierte sich unter der Leitung seines Klarinettisten Simeon Bellison (1881–1953) auf diese Werke. Das Ziel von Zimro war es während einer europäischen Konzerttournee Gelder aufzutreiben, um ein Zentrum für jüdische Musik in Palästina zu etablieren. Eines der bekanntesten Werke, die für das Zimro Ensemble geschrieben wurden, ist Prokofjews Overtüre zu jüdischen Themen, Opus 34, die im Jahre 1919 vom Ensemble in Auftrag gegeben worden war.

Bellison, der später der erste Klarinettist des ‘New York Philharmonic’ wurde, schaffte es nie nach Palästina, stattdessen wurde er einer der einflußreichsten Klarinetten Größen in den Vereinigten Staaten. “Die meisten Klarinettisten seiner Zeit hatten irgendwas mit ihm zu tun” sagt Fiterstein und erzählt mir dennoch: “[Bellison] vergaß nie seinen Traum: er hinterliess seine gesamte Musiksammlung der Rubin Academie in Israel.” In Verbindung mit der Forschung, die dieses Material untersucht, wird Fiterstein an einem Konzert von Pro Musica Hebraica, teilnehmen: “Die Idee ist es, jüdische Erfahrung, jüdisches Gefühl und jüdische Geschichte, die jüdische Seele, wenn man so will hervorzubringen, ausgedrückt durch klassische Musik,” sagt Charles Krauthammer, Mitbegründer von Pro Musica Hebraica, einer Organisation, die im Jahre 2004 gegründet wurde. In Verbindung mit dem Kennedy Center in Washington wird Pro Musica Hebraica vernachlässigte Werke jüdischer Komponisten in die Konzerthalle bringen.

Im Dezember diesen Jahres wird Fiterstein zusammen mit dem The Zimro Project aufreten, einer Kammermusikgruppe, die er am Kennedy Center in Washington gründete. Das Konzert wird russisch-jüdische Kammermusik vorstellen, von der einige Werke seit mehr als 100 Jahren nicht in der Öffentlichkeit gespielt worden sind.

Auch zum mitbeteiligten künstlerischen Direktor des neuen Sedona Winter Musikfestes ernannt, das im Januar in Carefree, Arizona stattfindet, werden New Yorker die Gelegenheit haben, Fiterstein im April nach seiner Rückkehr nach New York, mit der Chamber Music Society of Lincoln Center zu hören.

Ilona Oltuski-getclassical.org

Veröffentlicht inGrenzüberschreitend

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