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2017 im Rückblick – die Top 10

Das neue Jahr ist noch jung, das alte Jahr hallt, zumindest musikalisch, noch nach. Bevor ich mich im Blog wieder aktuellen Neuerscheinungen widme, möchte ich die Gunst der Stunde nutzen, um noch einmal auf einige, aus meiner Sicht, herausragende Veröffentlichungen des abgelaufenen Jahres zu verweisen.

Tatarstan National Symphony Orchestra, Alexander Sladkovsky: Dmitri Shostakovich – Complete Concertos
2017 begann sensationell: Boris Giltburgs Einspielung der beiden Klavierkonzerte Dmitri Schostakowitschs erwies sich gleich zu Jahresbeginn als ein heißer Anwärter auf die „Konzert-Einspielung des Jahres“. Giltburg und das Royal Liverpool Philhamonic Orchestra unter Vasily Petrenko spielen mit überlegten Tempi und emotionaler Eindringlichkeit, die sonst in den stellenweise burlesk überdrehten schnellen Sätzen verloren geht. Einen anderen Weg ging Alexander Sladkovsky bei seiner Gesamteinspielung der Konzerte Schostakowitschs. Zusammen mit sechs ausgezeichneten Solisten und dem hervorragenden Tatarstan National Symphony Orchestra „entpolitisierte“ Sladkovsky die Musik Schostakowitschs und ließ sie „nur als Musik“, ganz ohne psychologischen oder gar politischen Ballast erklingen. Das Ergebnis ist von frappierender Schönheit. Ebenso gelungen ist die Aufnahme des Violinkonzerts, der Romanzen und des Tripelkonzerts Beethovens des österreichischen Violinisten Thomas Albertus Irnberger (unterstützt von David Geringas und Michael Korstick) und dem Royal Philharmonic Orchestra und James Judd. Frei von übertriebenen Gesten und selbstverliebtem Verzieren kann man hier echten Experten zuhören, die Beethoven, den reinen Beethoven spielen, anstatt sich selbst zu zelebrieren. Eine zeitlose Aufnahme.

 

Zeitlos ist rückblickend auch Julia Fischers Einspielung der Sonaten und Partiten für Violine solo (BWV 1001–1006) von Johann Sebastian Bach. Die Aufnahmen der damals gerade einmal 21-jährigen Violinistin haben auch zwölf Jahren nach der Erstveröffentlichung nichts von ihrem mitreißenden Charme verloren. Julia Fischers Pentatone-Debüt war keine jugendliche Selbstüberschätzung, sondern Ausdruck ihrer außergewöhnlichen interpretatorischen Fähigkeiten. Die Neuauflage von 2017 ist eine würdige „Wiederveröffentlichung des Jahres“, zumal das Album sowohl als Doppel-SACD als auch als 3-LP-Vinyl-Set in edler Aufmachung erschien.


Die Michael Gielen Edition besteht ebenfalls bereits bekanntem Material, das durch bisher unveröffentlichte Archivaufnahmen sinnvoll ergänzt wird. Mein persönlicher Höhepunkt der groß angelegten Reihe war der sechste Teil, der neben den (bereits erhältlichen) Sinfonien Gustav Mahlers auch die großen Orchesterlied-Zyklen (Das Lied von der Erde, Des Knaben Wunderhorn, Lieder eines fahrenden Gesellen, Rückert-Lieder, Kindertotenlieder) in herausragenden Einspielungen enthält. Ein würdiges „Boxed Set des Jahres“, das sich den Titel mit der Wiederveröffentlichung der epochalen ersten Gesamteinspielung des Klavierwerks von Franz Schubert teilt. Gilbert Schuchters diskografische Großtat von einst bleibt auch fast 50 Jahre nach ihrem Entstehen, ohne Patina, frei vom damals üblichen romantischen Zuckerguss und bar einer vordergründigen Virtuosität. So rein, so schlüssig hört man Schubert bis heute nur selten.


Auch den Titel „Entdeckung des Jahres“ teilen sich zwei Alben, beide enthalten (vielleicht nicht ganz zufällig?) Musik aus Russland: Die Aufnahme der beiden Klavierkonzerte Zara Levinas (1606–1976) war für mich eine echte Offenbarung. In der Sowjetunion durchaus beliebt und geschätzt, blieb die Komponistin im Westen unbekannt, bis Maria Lettberg mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der brillanten Ariane Matiakh die beiden höchst unterschiedlichen Klavierkonzerte aus ihrem Dornröschen-Schlaf erweckte. Heiter und positiv das erste, düster und beklommen das zweite, sind die Konzerte zwei Pole im Leben einer Komponistin, von der man mehr hören möchte. Alexander Tschaikowsky (*1946) trägt zwar einen prominenten Namen, ist aber weder verwandt noch verschwägert mit dem berühmten Namensvetter Pjotr Iljitsch oder dem bekannten Boris. Der Name ist vielleicht aber dennoch eine Verpflichtung für exzellente Musik. Niemand Geringeres als Mariss Jansons, ferner Yuri Bashmet, Boris Berezovsky und die Moskauer Philharmoniker sowie die Tochter des Komponisten, Daria Tschaikowskaja und die Tochter des Bratschisten Yuri, Xenia Bashmet, sind ein echtes All-Star-Line-Up, das Alexander Tschaikowskys sehr einnehmende Mischung aus Elementen der französischen, russischen und amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts zelebriert. „Etudes in Simple Tones“ beweist: So catchy kann zeitgenössische Musik sein.

Natürlich gab es letztes Jahr viele, auch viele sehr gute Einspielungen von Klaviermusik. Mein persönliches „Klavier-Album des Jahres“ kommt vom jungen Italiener Giacomo Scinardo, der das vollständige Klavierwerk Modest Mussorgskys aufgenommen hat. Viel mehr als nur die „Bilder einer Ausstellung“ gibt es da vom gebrochenen Genie der russischen Musik zu entdecken. Endlich hat sich jemand dem ganzen Klavierœuvre des Meisters gewidmet. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie groß die Lücken in den Diskografien gerade der bekannten Komponisten sein können.

Last but not least geht der Titel meines persönlichen „Kammermusik-Albums des Jahres“ an die wundervolle Einspielung von Bachs „Die Kunst der Fuge“ (in der Fassung von Hans-Eberhard Dentler), die es übrigens auch in einer luxuriös ausgestatteten Vinyl-Ausgabe gibt. Ein echtes Sammlerstück! Das hochkarätig besetzte Ensemble L’Arte della Fuga hat mit dem Bach-Forscher und Kunst-der-Fuge-Experten Hans-Eberhard Dentler eine in sich schlüssige Deutung des rätselhaften Meisterwerks eingespielt, die den Hörer vom ersten bis zum letzten Takt in seinen Bann zieht. Wer mag, kann sich dazu mit Dentlers profunder, interdisziplinärer Analyse der „Kunst der Fuge“ als »pythagoreisches Werk« auseinandersetzen. Aber auch ohne theoretischen Unterbau bietet diese Einspielung vollendeten Hörgenuss.

Veröffentlicht inAlben vorgestellt

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